»Ha!« sagte der Wirt überlaut lustig und strich sich mit den Händen den Bart, was allemal ein Zeichen seiner Behaglichkeit war. »Der Scherenfanger hätt froh sein können, wenn ihm ein solches Begräbnis wär zuteil geworden, wie seiner Hoheit, diesem Schweinekerl.«
»Scherenfanger? den Kajetan meinst? Aber der hat doch keine Ehr’ verlangen können. Der hat sich ja selber das Leben genommen.«
»Derowegen, sage ich. Weit ist’s nit g’fehlt, daß sie beieinander liegen, der alte Kajetan und mein altes Faß. In der Staudenschlucht neben dem Kirchhof.«
Das fing der Förster auf, es schien ihn anzufassen, er vergaß der Zither. Er hatte den böhmischen Maulwurf- und Insektenvertilger recht gut gekannt, aber doch nicht so gut, daß er den Selbstmord hätte verstehen können. Damals, als er mit dem Mann den Versuch besprochen, wie man den Kieferspinner, diesen schrecklichen Waldverderber, vertilgen könnte, wie war der Kajetan da noch spaßhaft gewesen! Und als er jenen Ruppersbacher Maulwurfsfeinden die schaudervolle Hinrichtung des berüchtigten »Wiesengrundverderbers« vorgeschlagen! Der Maulwurf, wenn er gefangen werde, sei viel zu niederträchtig, als daß man ihm die ehrenvolle Todesart des Erschlagens antun dürfe; der müsse zum gerechten Lohn für seine heimtückische Wühlarbeit und zum abschreckenden Beispiel für seine Sippe eines ausnehmend grausamen Todes sterben; man solle ihn, den Maulwurf – lebendig begraben! Das haben sie endlich verstanden und ihn nicht wieder angerufen zum Vertilgen des nützlichen Bodenlockerers und Insektenfressers. – Solcherlei Schwänke hat er gern getrieben. Und so ein lustiger Mensch knüpft sich eines Tages an den Wandnagel.
»Wie denn das hat sein können mit dem Kajetan?« sagte der Förster.
Und der Michel antwortete: »Weil er verruckt ist worden. Ein schlechtes Buch, oder was, muß er derwischt haben. Denk dir, den Herrgott hat er so gefürchtet.«
»Den Herrgott gefürchtet? Nun, ich habe doch immer gehört, den Herrgott soll man fürchten.«
»Soll ihn auch. Aber bissel anders wie der Kajetan. Gottesfurcht ist schon recht. Aber Gottesangst ist eine Sünd gegen den heiligen Geist. Oder ich sag’s besser: ist eine Narrheit. Wer ordentlich und brav ist, wie der Mann sein Lebtag gewest – wenn so einer Angst vor dem Herrgott hat, dann lachen ja die Spitzbuben, die keinen haben. Versinniert hat er sich halt.«
»Zu viel sinnieren soll der Mensch nicht,« sagt der Förster.
Spricht der Michel weiter: »Da unten in der Gaststuben hat er mir’s einmal erzählt, wie’s ihm ist vorgekommen. Du, das ist ein kurioser Vogel gewest. Dem sein Glauben! Die Welt, Himmel und Erden, sagt er, und alles, was ist, das ist nichts anderes als Gott selber. Jedes Tier und jeder Grashalm und jeder Wassertropfen ist der Herrgott selber! Alles zusammen ist der Herrgott. – Und jetzt denk dir, Michelwirt, hat der Insektentod gesagt, was ich mein Lebtag schon hab Herrgott umgebracht! Tu nichts anders Jahr für Jahr, als Herrgott umbringen. Und jetzt, Wirt, stell dir vor, wie ich dran bin, wenn’s zum Sterben kommt. – Aber Mensch! sag ich ihm drauf, wenn du’s so nimmst, da hilft sich der Herrgott ja selber umbringen, alle und alle Tag. Wenn das Vieh Gras frißt und der Mensch das Vieh! Und der Krankheitskeim den Menschen frißt. Und wenn du selber Gott bist und hilfst ihn umbringen, damit du leben kannst! Den Unsinn mußt doch einsehen, hab ich gesagt. Wenn du Insekten tötest, so rettest du besseren Wesen das Leben, hab ich gesagt. Da ist er dir aufgefahren: Es gibt keine besseren Wesen! Und keine schlechteren. Alles ist gleich, keines hat das Recht, ein anderes zu vernichten. Desweg bin ich der Mörder. Ein Herrgottsmörder bin ich worden! – Ich sag dir’s, Paul, angst und bang hätt einem werden mögen neben seiner. Hat selben auch nit mehr viel gearbeitet. Alleweil in der Einsam herumsinniert, na – bis das Unglück halt nachher geschehen ist.«