Die Leute konnte er nun einmal gar nicht begreifen. Dieser Wirt, da renommiert er mit seinem ewigen Nichts, wie der Kerl sagt, und singt dabei solche Lieder. Es scheint, er glaubt weder an das eine noch an das andere. Das schreckliche Lied vom Weltgerichte! Wie weggeblasen war es, als die Bienen summten. So leicht nehmen diese Leute ihren Glauben. Und es ist ein Glück. Wenn sie sich hingeben wollten dem Schauder des letzten Tages und wenn sie sich sagten: Einmal kommt er! Er kommt gewiß und wir werden dabei sein! Und es ist die größte Gefahr, daß wir ins ewige Feuer geworfen werden! Wie wäre das auszuhalten! Sie nehmen’s nicht ernst, und wie man des Abends in den Schlummer sinkt, möchte er hinüberträumen ins ewige Nichts! Und gleich darauf will er dieses Nichts wieder ausstaffieren mit Gericht, Himmel und Hölle. Selbst das höllische Feuer ist ihnen noch lieber als das Nichts. Was du auch redest, Wirt, der Mensch kann alles ertragen, nur das Leichteste nicht, das Nichts.

»Ist der Herr schläferig worden?« Mit dieser Ansprache weckte ihn der Wirt aus seinem Nachdenken.

Da sprang der Fremde über: »Ihr guten Leute, bei euch ist es nicht mehr auszuhalten. Ich will es den Bienen nachmachen.«

»Fort? Herr Böhme, doch nit fort?« fragte der Wirt lebhaft, und teils aus Höflichkeit, teils berufshalber setzte er bei: »Im Sommer wär’s bei uns auch schön.«

»Möchte einmal wissen,« fragte Böhme, »wie weit man rechnet über das Tauerngebirge bis ins Kulmtal?«

»Wollens doch hinüber? Über den Rauhruck? Neun Stunden, wenns gut gehen und den Weg wissen; ’s wird sich so ausgehen. Zwei Stunden bis in die Bärenstuben, eine starke dort hinauf bis auf die Seealm; nachher zwei Stunden bis auf das Rauhruckjoch – sind fünf Stunden. Vom Joch dermachen Sie’s in vier Stunden bis Arlach im Kulmtal.«

»Morgen früh heißt’s marschieren!«

»Wollens denn allein gehen? Übers Gebirg?« fragte der Michelwirt bedenklich. »Herr Böhme, das möcht’ ich wohl nit raten. ’s gibt noch Schnee da drinnen, stellenweise ist der Fußsteig hart zu treffen. Der Lahnengang soll auch noch nit vorbei sein.«

»Sie meinen, daß es gefährlich wäre?«

»Gefährlich? Wie man’s nimmt. Für den Einheimischen grad nit, wer sich auskennt. Im Sommer ist’s gar recht schön zu gehn; jedes Frauenzimmer kommt hinüber. Aber halt, wer fremd ist – und jach der Nebel einfallt! Vor ein paar Jahren erst ist einer verloren gangen im Rauhruckgebirg. Na, Herr, allein solltens jetzt wohl nit gehen.«