Da wurde der Jammer wieder laut in der Menge, manches Antlitz weinte schmerzliche, manches wollüstige Tränen.

Nicht als ob die Leute so schlecht wären. Eine Abwechslung wollen sie einmal haben in ihrem seichten Alltagsleben, ein Schauspiel, ein Ereignis, an dem sie ihre Gefühle erschüttern und erfrischen, ihre Phantasie kräftigen, ihr kleines Geistesleben mit Mutmaßungen und Kombinationen betätigen, ihren Abscheu vor dem Verbrechen und ihr Mitleid mit dem Opfer aufwärmen können. Sie nehmen die Tragödie des Lebens, sofern es nicht sie persönlich betrifft, wie andere die Tragödie auf der Bühne. Welch gräßliches Leid das Ereignis auf Beteiligte bringt, das kommt ihnen trotz ihrer Gefühlsausrufe nicht deutlich genug zum Bewußtsein.

»Gehen wir zum Michelwirt!« rief jemand. »Der wird schon was Sicheres wissen.«

Und da eilten ihrer mehrere stracks hin bis zum oberen Ende des Dorfes, um dem Michel »ein Viertel« abzukaufen. Es werde wohl kein Platz mehr sein in der Gaststuben an so einem Tag, man könne sich’s denken.

Das Wirtshaus aber war geschlossen wie um Mitternacht. Die Leute pochten am Tore, und der Schwarzmichel möchte die Eustacher doch nicht verdursten lassen. Das Tor blieb geschlossen. Einige stiegen auf die Wandbank vor dem Hause und spähten zum Fenster hinein. Da drinnen alles wie ausgestorben.

»Das bedeutet schon was. Der Michel und der Förster sind gute Kameraden miteinand. Es wird schon wahr sein. Wer weiß, was noch alles dahintersteckt! Man wird’s ja hören! Viel Geld soll er bei sich gehabt haben, der Preuß! Im Wirtshaus wird man’s wohl gewußt haben.«

»An einen Raubmord glaub ich nit,« ließ sich ein anderer vernehmen. »Weiß Gott, was da noch herauskommt. Seit die Welt steht, hat man so was nit erlebt in Eustachen!«

Den höchsten Grad erreichte die Aufregung, als gegen Abend ein Gerichtsherr aus Löwenburg mit einem Schreiber und zwei Gendarmen durch das Dorf fuhr, dort den Gemeindevorsteher und den Gemeindediener mitnahm ins Hochtal hinein. Hinter dem Wagen her lief halb Eustachen, Weiber wie Männer. Aber an der Brücke beim Forsthaus stellte sich die Wache auf, da durfte niemand hinüber. Nur der Löwenburger Wagen rollte über die Holzbrücke und in den Hof des Forsthauses. Der Förster war nicht zu sehen. Aus der versperrten Küche hörte man das Weinen der alten Haushälterin.

Zur selben Zeit war vom Hochgebirge die Kommission zurückgekehrt, zwei Beamte und ein Gendarm.

Und nun begann in der großen Stube das erste Verhör. Der Student hatte sich nicht lange suchen lassen. Er stand vor dem Tisch der Herren, neben ihm der Gendarm mit dem strotzenden Gewehrspieß. Ruhig und schlank stand er da, nur noch ein wenig blässer als sonst.