Als der kleine Zug vorüber war – er marschierte soldatisch fix – trabten die Leute hinten drein und etliche drängten sich so dicht an die Gefangenen, daß der Gendarm mit dem Gewehrkolben sie zurückstieß. Da wurde der Pöbel fast toll. Und ein schrilles Schimpf- und Schmachgeheul begleitete die jungen Missetäter durch ihr Heimatsdörflein hinaus.

»Die Försterbuben! Die Mörderbuben! Die Galgenbuben!« so schrie es da und dort auf. »Die Mörderbuben! Die Mörderbuben!« so lärmte es hin und hin. Einer jedoch war dabei, der sagte zum Nachbar ganz gemütlich: »Du, paß auf! Die sind unschuldig! Merk dir’s, was ich sag, sie sind unschuldig!« Der Mann wurde niedergeschimpft, bis er’s zugab: »Na ja, ’s kann ja sein. ’s mag ja sein …«

Die beiden Brüder trabten zwischen den Häschern rüstig fürbaß, der eine halb trotzig, halb neugierig, was jetzt werden soll. Der andere in sich verloren.

Endlich hatten sie die zwei Dörfer hinter sich.

Einmal unterwegs hatte der Friedl die Worte gesagt: »Was wollen sie denn mit uns?«

Da hatte ihm Elias einen Blick zugeworfen, einen unheimlich wirren Blick – wie Zorn, wie die allertiefste Verachtung und dann wie eine grenzenlose Betrübnis. So sagte der Friedl nichts mehr. Hungrig war er schon geworden und durstig, aber sie trabten an den Wirtshäusern vorbei.

Ehe sie gegen Abend nach Löwenburg kamen, in die Gerichtsstadt, blickte der Friedl noch einmal auf, in die weite, sonnige Gegend hin und zum Himmel mit seinen lichten Sommerwölklein. Im nahen Kornfeld, auf welchem roter Mohn und blaue Kornblumen prangten, schlug eine Wachtel. Die Bauern zählten den Wachtelschlag, um den Kornpreis des nächsten Jahres zu erfahren. Was wollen wir wissen? Trotz des Marschierens zählte der Bursche das helle »Ziziwitt«. Drei-, vier-, fünfmal und weiter. Ununterbrochen bis zwanzig schmettert der Vogel sein »Ziziwitt«. Zwanzig Jahre! Ade, du schöne Welt! – Wie soll man sich denn helfen, wenn alles dagegen ist? Alles! Alles! – »Nur nit verzagen,« sagte er dann wieder zu sich selbst. »Vielleicht ist der ganze Spuk nix als ein Schligerwitzrausch.«

Daß Elias eingestanden hatte, wußte er zu dieser Stunde noch nicht. –

Das Wirtshaus »Zum schwarzen Michel« war wieder offen, aber es war nur die Kellnerin Mariedl da mit ihrem »Was schaffens, Bier oder Wein?« Frau Apollonia war mit der Tochter Helenerl einen Tag vorher, als noch nichts bekannt, nach Sandwiesen gefahren auf Besuch zu einer Verwandten. Die wirtschaftlichen Arbeiten wickelten sich durch den Hausknecht, Oberknecht und die übrigen Dienstboten wie gewöhnlich ab. Der Michel war nirgends zu erspähen.

Zuerst war er in seiner Stube geblieben und hatte gewartet von Stunde zu Stunde auf die Unschuld der so furchtbar angeschuldigten Söhne seines Freundes. Als aber nichts Ähnliches kam, als vielmehr ein neuer Argwohn nach dem andern auftauchte, bis durch das Geständnis die Vermutung zur Gewißheit wurde, da konnte der Michel in der Enge einer Kammer nicht mehr bleiben. Wie als ob er selbst ein Mitverbrecher wäre, schlich er an der Zaunecke hinauf in den Wald und eilte durch denselben weglos über Böschung und Graben in das Forsthaus.