Rufmann schaute stier drein und schaute drein. Der Michel aber dachte: Jetzt red’ ich weiter, vielleicht kommt er auf andere Gedanken. »Wir sehen’s ja,« sagte er, »wir werden ja alle Tag überzeugt davon. Du schläfst am Abend ein, da ist alles aus, kein Wald, kein Haus, kein Kind. Wachest nimmer auf, so weißt nit, daß du was gehabt, was verloren hast. Und träumst bei der Nacht, singst im Traum, oder erschrickst, hast Angst, hast Leid – alles nur Einbildung. In der Früh wachst du auf, aus einer Einbildung in die andere. Singst wieder, hast wieder Freud und wieder Leid und in zwölf Stunden ist wieder alles nix. Freund, ich verspür’s, aber kann’s nit sagen, wie’s mir fürkommt. Himmel und Erden, Mensch und Leben, es ist nit wirklich. Ist nur Einbildung. Dir hat geträumt, ein Forstmann wärest gewest, zwei Söhne hättest gehabt. Und sie wären ins Elend gekommen. Aber die Söhne wissen nix davon, verspüren kein Elend, weil sie gar nit sind.«
»Was hilft das Reden!« fuhr jetzt der Förster auf. »Wenn’s weh tut! Wenn’s weh tut!«
Das hat den Dorfphilosophen zum Schweigen gebracht. »Wenn’s weh tut!« Wenn alles sonst Einbildung ist, der Schmerz ist wirklich, er überfällt uns bei Tag und Nacht. Wenn das Leiden wirklich ist, dann ist’s gleichgültig, ob der Anlaß dazu wirklich ist oder Einbildung. – Wenn’s weh tut! Wenn’s gar nimmer tät aufhören weh zu tun! O, Herr Jesus, erlöse uns von Wirklichkeit und Traum, gib uns die ewige Ruh! –
So ist dem Michel Schwarzaug, dieweilen er mit seinen Darlegungen den Freund hatte beruhigen wollen, selber ein Entsetzen gekommen. Sein dreister Gedanke war ans Geheimnis der Ewigkeit gestreift – da schaudert den Menschen.
»Laß ihn zu den Vätern gehen!«
Der Ortsvorstand Martin Gerhalt schritt mit seinem Stecken durch das Dorf und beging gesetzwidrige Handlungen.
Wo mehrere beisammenstanden und über das Ereignis tuschelten, da fuhr er drein und fluchte ihnen ein paar Kanaillen an den Kopf oder hob den Stock zum Zuschlagen. Er wußte nicht, gegen wen seine Wut größer war, gegen die beispiellose Freveltat der Försterbuben oder gegen die Leute, die daran ihre heimliche Freude hatten und zu der schrecklichen Wahrheit noch schrecklichere Lügen ersannen. Vor kurzem erst, gelegentlich einer Dienstbotenprämiierung hatte der Bezirkshauptmann Eustachen eine musterhafte Gemeinde genannt. Außer ein paar Wilddieben hatte dieses Dorf seit vielen Jahren nichts mehr vors Gericht geschickt, und jetzt zwei Galgenstricke auf einmal.
Nun kam es dem Gerhalt bei, daß der Fürsteher sich auch um den unglücklichen Vater zu kümmern habe. In dem seiner Haut möchte er jetzt nicht stecken. Aber hineindenken kann sich der Mensch. Der Gerhalt hat ja auch Söhne. Wen Gott verläßt! Kein Mensch kann’s wissen. Was kann ein alter Mann dafür! Der Rufmann hat’s an nichts fehlen lassen. Den einen in die Realschule, nachher zur Arbeit tüchtig angehalten, den anderen in die geistliche Studie. Selbst ein gutes Vorbild in der Sittsamkeit. Vielleicht, daß er zu nachgiebig ist gewesen, an Strenge mag’s schon gefehlt haben. Wo ist ein Vater, der seinen mutterlosen Kindern nicht auch die Mutterliebe ersetzen möchte! Ein wenig weich ist er ohnehin, der Rufmann, so gut er auch schelten kann. Arg leid tut’s ihm jetzt, dem Gerhalt, daß er des Sägewerks wegen mit dem Manne so übers Kreuz gekommen ist. Ganz dumm so was. Vom Förster ist die Sache doch nicht ausgegangen; der muß tun, was ihm seine Herrschaft vorschreibt. Diese Einsicht war dem Bauer jetzt gekommen im Schrecken des Unglücks.
Nun ging er hinauf ins Hochtal, um zu sehen, ob auch wer bei ihm ist. So hat er ihn getroffen, in Gesellschaft des Michelwirts. Langsam trat der schrötige Mann vor ihn, hielt ihm die Hand hin: »Rufmann, wenn ich Sie beleidigt hab, tuns mir verzeihen. Wenn Sie was von mir sollten brauchen, oder sonst einen Beistand – oder was immer –«
Der Förster schaute ihn mit großen starren Augen an, als ob er solche Red nicht verstünde. Und er selbst fand es ungeschickt genug. Was jetzt diesen Mann eine Feindschaft oder eine Freundschaft kümmern könne. Oder ein Beistand, oder sonst was. Da war ja alles ganz gleichgültig. Hier ist Menschentrost am Ende. Lieb wie Haß kehrt unverrichteter Dinge um …