Beim Fortgehen winkte er den Michel für einige Augenblicke mit zur Tür hinaus: »Mir ist’s lieb, Michel, daß du bei ihm bist. Wenn’s dir möglich ist, bleib in diesen Tagen bei ihm, du bist ihm noch am besten. Was wir noch mit ihm machen werden, das weiß Gott. Mir kommt er nit recht für. Gib acht auf ihn, Michel, laß ihn nit aus den Augen. In deine Obhut ist ein Vertrau, leicht kannst ihn doch bissel mit was zerstreuen. Hast was auszurichten daheim? Sonst will ich jetzt auf den Ringstein.«
Als der Michel wieder zurückkehrte in die Stube, war Rufmann nicht da. Durch das Kanzleizimmer war er in das Vorhaus gelangt und rasch die Treppe hinaufgeeilt zur Schlafstube seiner Söhne. Sie war verschlossen und versiegelt. Er huschte die zweite Stiege hinauf in den Dachboden, wo altes Gerät und Gerümpel war. Dort verhielt er sich still, so daß die Suchenden ihn nicht sollten entdecken. Als der Michel ihn fand, schleuderte er eine Spinnradschnur in die dunkle Ecke.
Der Michel wollte ihm Vorwürfe machen, sie mißlangen ganz. »Mein armer, mein liebster Mensch, tu uns das nit an! Ich bitt dich tausendmal, tu uns das nit an! Auch deinen Kindern nit. Willst denn noch mehr auf sie laden! Willst ihnen auch dich noch aufs Gewissen legen? Daß sie gar müßten verzweifeln. Weißt, wie wir zwei einmal haben gesprochen von dieser Sach, vor etlichen Monaten erst. Daß einer so was kunnt ausführen, hast du gesagt, ’s wär nit zu begreifen. Und ’s wär nit zu verantworten. Schau, und jetzt wolltest es selber –«
»O Jesus Christus! Wenn’s nit zu ertragen ist!« schrie der alte Mann grell auf. »’s kann ja keinem Menschen auf der ganzen Welt so ums Herz gewesen sein wie mir! Ihr könnt es ja nicht begreifen, ihr könnt es nicht, ihr könnt es nicht! – Michel, alter Freund!« sagte er zärtlich und ergriff mit Heftigkeit seine Hand, seine beiden Hände: »Sei gut mit mir! Laß mich gehen. Du bist mein Freund gewesen, mein treuester, die vielen Jahre! Dich habe ich lieb gehabt. In keiner Freud und in keiner Not hast du mich verlassen – hilf mir auch in der letzten. Wohl ein Gedanke ist mir gekommen, aber nein, das nicht, das nicht. Mein Lebtag hab ich mich selbst bedient. Nur fünf Minuten Zeit – schenke sie mir, du guter Mensch, habe Erbarmen und gönne mir den Frieden!«
»Paul! jetzt denkst ganz an dich allein. Das ist sonst nit deine Art. Du hast auf andere auch noch zu denken. Wie es ihnen auch mag gehen. Könntest du sie denn voreh verlassen, ohne ihnen was zu sagen! Sollten sie ohne deine Verzeihung!«
»Das ist schon gemacht, das ist schon gemacht!« sagte Rufmann. »Der Brief ist in der Schreibtischlade. Überbringe ihn meinen Söhnen, Michel, das ist an dich meine letzte Bitte.«
Sie gingen hinab in die Stube.
Es ist der Abend gekommen, die Sali will Licht bringen, der Alte winkt ab. »Wir brauchen kein Licht.« Der Michel weicht nicht einen Augenblick von der Seite des Freundes. Dieser ist wieder dumpf und stumpf. Der Michel redet von schönen Zeiten und wer weiß, ob sie nicht wieder kommen könnten mit einem besonders glückseligen Tag. »Paß auf, Rufmann, es wird noch einmal sein, daß es dir zu früh kommt, das Sterben. – Und unsern Herrgott, tust ihn denn ganz vergessen! Schau, Paul, wir haben miteinander so oft gesungen –« Er nimmt die Laute vom Nagel: »Ich weiß ein Lied von der himmlischen Freud.«
Da springt Rufmann auf und ruft in hellem Zorn: »Mensch, weißt du denn nicht, was meine Buben getan haben! Glaubst du, daß ich warten werde drauf, was mit ihnen geschieht?! Kannst du mich jetzt nimmer verstehen?«
Der Michel suchte ihn zu beruhigen: »Ich versteh dich ja, du mein allerliebster Kamerad, mein Reden ist ja dumm, ganz dumm. Wir wollen was anderes tun, wir fahren nach Löwenburg. Zu Land oder zu Wasser, wie es am schnellsten geht.«