Ein Weilchen schwieg der Förster, dann sagte er: »Michel, wir fahren zu Wasser.«

Von außen klopft es ans Fenster. Ein Holzknecht, der vorbeigeht, ruft hinein, sie sollten doch das schöne Feuer anschauen.

»Das Sonnwendfeuer!« sagte der Michel. »Komm, Rufmann!«

Beide eilen aus dem Hause. Kühle Nacht, nur die Ach rauscht wie immer und immer. Und dort auf der Zinne des Ringsteines steht der rote Stern. In stiller, lohender Glut und darüber aufwirbelt der rote Qualm.

»’s ist schön anzuschauen!« sagt der Michel leise. »Die Vorfahren – hundertmal sind sie in den Gräbern schon vermodert und wieder aufgestanden und wieder vermodert – aber was sie in uralten Zeiten sind gewesen, das rufen sie lebendig zu uns herüber in diesem Feuer. Wie es so langsam und friedsam hinaufsteigt in den Himmel … es ist schön anzuschauen!«

Rufmann steht neben ihm, auch sein Gesicht ist dem Feuer zugekehrt, aber er schweigt.

Und der Michel – dieweilen er diese heilige Glut betrachtet, die dort auf dem Berge wie ein Mahnzeichen hinleuchtet über die deutsche Heimat – denkt an den, der neben ihm steht.

Wenn einer im Herzen die Todeswunde hat, da gibt’s für ihn nichts weiter mehr, keine Heimat, keine Vergangenheit und keine Zukunft. Da trifft’s zu, daß alles versunken ist in das abgrundtiefe Weh. Da ist nichts und gar nichts mehr vorhanden als das Weh, das Weh allein. Und wenn es so ist, warum will ich ihn denn nicht hingehen lassen in die Ruh? Wo er mich so herzinnig drum hat gebeten. Wenn ich schon selber hab gesagt, daß alles nur Einbildung ist und außer ihr alles nichts und nichts, warum will ich ihn denn nicht hinabgehen lassen? Etwan weil ich den Freund nicht möchte verlieren? Daß er mir noch länger sollt Gesellschaft leisten, er mit seiner Todeswunde! – Was wartet denn noch seiner? Alter, Verlassenheit, beständiger Vorwurf. Überall zwecklos, gemieden, im Mitleid noch verachtet. Im besten Fall ein umtrübter Geist, das dumpfe Elend eines Halbtoten. Ich wollt mich dafür bedanken. Mein widerwärtigster Feind, der mich festhalten wollte in dieser Hölle! – So sinnt der Michel Schwarzaug. Alle Gedanken münden immer in den einen aus: Laß ihn gewähren, erweise ihm den letzten Freundschaftsdienst, den es für ihn noch geben kann … Halte ihn nicht auf.

Unbeweglich steht der Dorfwirt da, während in ihm die Empfindungen gegeneinander streiten. Er schaut nicht nach links und nicht nach rechts, schaut unverwandt auf das Feuer hin. Als ob in dieser Flammenschrift die Ahnen zu ihm sprächen. Sein Sinnen löst sich sachte in Wehmut auf, in eine unsäglich süße Empfindung der Liebe zu seinem Freunde. Die feierlich aufsteigende Riesenflamme dort hält sein Auge gebannt. Und ist es wie ein Mahnen: Laß ihn zu den Vätern gehen! – So ist er mit Absicht gestanden eine lange Weile und traumhaft. – Und war es nicht gewesen, als ob ein Bienenschwarm vorübergeklungen hätte? Ein verlorner, heimloser Bienenschwarm! ’s hat just so gesummt in der Luft. – – Gib acht, Michel, gib acht, in deine Obhut ist ein Vertrau! – Er wendet sich rasch. Hat nicht der Gerhalt zu ihm gesprochen? – Er erwacht aus seiner Versunkenheit und besinnt sich und sieht nach dem Freunde. –

Der steht nicht mehr neben ihm, ist nicht da.