»Ihr glaubt also, euer Pfarrer würde einen unglücklichen Mitbruder dort verscharren lassen, wo ihr alten Heiden alljährlich den Fasching zu begraben pflegt!« –
Aus Sandwiesen war Frau Apollonia mit ihrer Tochter heimgekehrt. Als sie von dem geschehenen Unheile vernommen hatten, dachten sie an den Vater.
Helenerl war noch schweigsamer als sonst. Nur einmal, gleich als sie vernommen, wer die Mörder des Fremden gewesen, hatte sie kurz und scharf gesagt: »Das ist nit wahr!« Wie sie hernach von den unwiderleglichen Beweisen hörte, und daß es der Student eingestanden habe, sagte das Mädel nicht ein Wort mehr. Sie war wie zu Stein geworden. Den Vater fanden sie oben in seinem Stübchen.
Niemand hatte er zu sich hereingelassen. Als jetzt Frau und Kind vor ihm standen, reichte er ihnen die Hand: »Das ist ein Unglück worden! Hättet noch in Sandwiesen sollen bleiben. ’s wär besser gewest.« Und nichts weiter.
Jetzt ist das Mädchen zu sich gekommen, der Mutter an die Brust gefallen: »Der Vater, wie er ausschaut! Ich kenn ihn ja nimmer! Ganz hintersinnig ist er.«
Und Frau Apollonia: »Wenn dein Vater was hat, da ist’s am besten, man läßt ihn allein. Er ist schon lang nimmer recht beisamm. Weiß Gott, wie er fertig werden wird mit allem, was noch kommen kann.«
Der Michel war ja froh, seine Leute in der Nähe zu wissen, aber sprechen wollte und konnte er nicht mit ihnen. Über schwere Anliegen sprechen, das hatte er nur mit einem gekonnt. Und da war’s ihm jetzt, er müsse Hut und Stock nehmen und hinaufgehen ins Forsthaus. Den Rufmann, wenn er hätte fragen können, ob es ihm jetzt recht sei? Er hatte ihm ja seinen Willen getan, er war ihm ja treu gewesen. Und Rufmann würde zu ihm hintreten, nebelleicht und nebelblaß, aber schön und gütig, und würde sagen: Ja, Michel, so ist’s am besten! – Und wenn er nicht mehr kommen kann, weil er nichts ist, kein Nebel und kein Traum mehr, dann ist’s erst am besten, dann hat alle Qual und alle Ursach zur Qual auf ewig ein Ende. So, wenn sich alle Menschen gegenseitig brüderlich forthelfen wollten aus dieser falschen Welt! Aber halt der liebe Mut! So lange den meisten noch der Mut fehlt, suchen wir den Tröster im Faß.
Er unterbrach sein Denken, kam aber immer wieder drauf zurück. – Jetzt seh ich’s wohl, daß der Nathan Böhme – Gott selig! – eine falsche Lehr hat gepredigt. Der Wein ein Gift! Just im Gegenteil, der Wein tut’s aufs allerbest. Der Wein macht schöne Einbildungen, also eine schöne Welt – was will man denn noch mehr? Wo gibt’s denn einen größeren Wohltäter, der uns glückselig hinwegtäuscht über diese schreckbare Verdammung! Nein, nein, ich bin schon recht mit dem Wirtshaus und will mir neue Gebinde anschaffen. Und je mehr ihrer bei mir Sorg und Kummer verlieren und sich das Elend kürzen, um so besser erfüll ich die Nächstenlieb. Komm, du güldener Trank, auch mir mußt du’s jetzt ganz sein. Mußt ja mein Rufmann sein!
Das Dorf rüstete sich zum Begräbnisse. Als der Michel sein schwarzes Gewand verlangte, da riet Frau Apollonia in aller Güte: »Mann, bleib du dasmal daheim. Oder fahr aus, fahr nach Sandwiesen oder wohin du willst. Auf dem Kirchhof, da ist heut nix für dich, schau Michel, sei gescheit.«
Er schaute sie bloß betrübt an.