Hatte nicht eine heimliche Stimme ihm schon denselben Rat gegeben? War’s ihm nicht manchmal zumute: Weit weg! Nur weit weg! – Doch, wozu denn fliehen, wenn man recht getan?
Er zog sich also an und ging nach Ruppersbach. Nicht auf der Straße unter den Leuten, sondern an den Feldrainen ging er hin, an den Hecken und über das junge Grün bebauter Äcker mußte er schreiten bis zur langen weißen Mauer hin.
Der Kirchhof war voller Menschen, sie beteten laut ein eintöniges Gebet. Der kleine Mann mit dem schwarzen Bart drängte sich duckend durch bis nahe ans Grab. Aber doch nicht in die vorderste Reihe. Die Leute stolperten über frische Hügel, die nebenhin in einer Reihe waren, und jeder Hügel hatte ein Holzkreuzlein auf sich stecken mit dem Namen des Schläfers. Den meisten ist dieses arme Kreuz ein erstes und ein letztes Denkmal, nur wenige bekommen später aufs Grab einen Stein – als Ersatz für so manchen, den man im Leben auf sie geworfen.
Von der Totenkammer her den kurzen Weg kamen die Priester und die Chorknaben mit den Weihrauchgefäßen und der Schullehrer mit den Sängern und die Träger mit dem Sarge. Ein langer schmaler Sarg, schwarz angestrichen, ganz schmucklos. Nun ließen sie ihn nieder und senkten ihn hinein – in ein sehr enges, sehr tiefes Grab. Dem Michel tat’s wohl, daß es so tief war. Lautere Erde, da kommt von diesem schrecklichen Lebenstraum nichts mehr durch. Er hatte im Augenblick eine liebliche Ruhe empfunden, beinahe als ob er selbst ausgestreckt läge da unten in der kühlen Erde. Nun aber kam ein Grauen, denn sie sangen dem toten Sangesfreunde ein Lied:
»Auferstehn, ja auferstehn wirst du,
Mein Leib, nach kurzer Ruh!«
Als das Lied aus war, sagte in der Nähe jemand halblaut: »Am jüngsten Tag, da werden zwei junge Büßer neben ihm stehen auf der rechten Seiten.« Dann sprach der Pfarrer seinen Segen: Requiescat in pace! Dann sprengte er Weihwasser hinab und warf drei kleine Schaufeln voll Erde auf den Sarg. Es dröhnte hohl und dumpf. Nun drängten sich die Leute ans Grab, um auch ihr Schäuflein Erde hinabzuwerfen über den guten Förster Rufmann. Nur der Michel duckte sich nach rückwärts und warf keine Scholle hinab.
Als das Volk den Kirchhof verließ, entstand am Ausgange ein Gedränge. Dort hatte sich eine Gruppe gebildet, die nicht weiter wollte, so daß sich die Leute stauten. Eine Neuigkeit war da, der Briefträger war aus dem Amte gelaufen, keuchend dem Kirchhof zu, und erzählte, daß aus Löwenburg eben zwei Depeschen eingetroffen seien, eine ans Gemeindeamt Eustachen und eine an den Förster Rufmann. Die Försterbuben kommen wieder heim! Sie sind’s nicht! Es hat sich herausgestellt, sie sind unschuldig! –
Wie ein Erdbeben geht diese Botschaft durch die Menge. Unschuldig! Unschuldig! Unschuldig! – Alles drängte ans Grab zurück, um es hinabzurufen, um ihn zu wecken: Steh auf, Rufmann! Deine Söhne sind unschuldig, sie sind frei, sie kommen wieder heim. Heute noch! O gekreuzigter Heiland, nur den laß noch einmal aufstehen!
Weil es aber stille blieb im tiefen Grabe und weil er nicht aufstand, so brach ein Klagen aus, ein Schreien und Schluchzen. Mehrere waren geradezu zornig und riefen: »Daß er nit ein paar Täg hat warten können! Bei so was wartet man doch die Gerichtsverhandlung ab!«