»Bal er’s ja selber eingestanden hat, der Student!« rief ein Zweiter. »Wird sich doch der Mensch aus Spaß nit lassen henken!«
Darauf ein Dritter: »Erstens wird ein fünfzehnjähriger Bub nit gehenkt. Zweitens wird’s kein Spaß sein gewest. Der Student ist ein Rappelkopf. Er kann sich haben denkt, wenns mir die Wahrheit eh nit glauben, so lüg ich sie halt an. Tuns mir was, so rait ichs halt fürs Sterben.«
»Aber du heilige Maria und Anna, wer wird’s denn nachher g’west sein!«
»Weiß Gott, was wir noch für Neuigkeiten werden hören!«
Ähnliche Gespräche wurden überall geführt, auf dem Kirchhof, auf dem Rückweg, auf dem Dorfplatz. Alles war voller Freuden über die Unschuld der jungen Burschen und voller Entrüstung darüber, daß es der Vater nicht hat erwarten können. Den Glauben an die eigenen Kinder verlieren? Wer wird denn das? Kann so einer noch an Gott glauben? Verloren ist er. – Und mancher war voller Vergnügen darüber, daß sich so merkwürdige Sachen zutragen in Eustachen und Ruppersbach und Löwenburg. Ein einziger war, den die Nachricht von der Freilassung der Försterbuben zu Boden geschmettert hatte, wie der Blitzstrahl einen hohlen Baum. Es war der, den die Heimkehr der Burschen ins höchste Glück versetzt haben würde, wäre Rufmann noch am Leben! Sie sind unschuldig, sie kommen wieder! Alles ist aus und jetzt ist’s an mir! – So der arme Michelwirt. Etliche, die ihn beobachteten, wie totenblaß, wie verstört, wie gebrochen der Wirt in die Kirche schwankte, die mußten wohl gerührt sein über diese treue Freundschaft, mit der er an dem unglücklichen Kameraden und Sangesbruder hing. An dem Menschen, der so hat verzweifeln müssen an seinen Kindern und nimmer hat warten können.
Die Kirche zu Ruppersbach war überfüllt. Was in den zwei Dörfern und Umgebung los konnte von der Wirtschaft, das war gekommen zur Totenmesse für den Förster. Am Hochaltare prangten sechs Lichter, an deren Leuchtern sechs Totenschädel waren. Der Pfarrer hatte ein Meßkleid über, schwarz von Farbe und mit einem großen weißen Kreuz. Er las eine stille Messe, bei der nur manchmal das Gemurmel der lateinischen Gebete und das Anschlagen des Altarglöckleins gehört wurde. Viele, die in ihren Bänken saßen, brannten vor sich Kerzen. In solchen Stunden können die Menschen andächtig beten. Sie gedenken des Toten, den sie eben in die Erde gelegt. Sie gedenken ihrer eigenen Eltern, Kinder, Geschwister, Freunde, die sie vor kurzem oder vor Jahr und Tag begraben haben. Und wenn der Priester leise die Totengebete spricht, da senkt die lebende Gemeinde ihr Haupt und schließt die tote Gemeinde in ihre Aufopferung ein.
Es klingt das Glöcklein. Der Priester steigt die Stufen des Altares hinan, beugt seine Knie, beugt das Haupt, klopft an die Brust: »Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa!«
»Meine Schuld!«
Alles erhebt sich und schaut gegen den rückwärtigen Kirchenraum, wo der Schrei geschehen war.
»Meine allergrößte Schuld!« wiederholte sich gellend der Schrei, und im Halbdunkel sah man, wie der Michelwirt, mit beiden Händen den Kopf haltend, aus der Bank stolperte und niederfiel auf das Steinpflaster.