Die derbe Gestalt des Gemeindevorstehers begann zu zucken und er sprach herb: »Michelwirt, wenn du mir was zu sagen hast, so sag’s! Mir wird alleweil letzer. Vielleicht, daß es am besten ist, du gehst geradenweges nach Löwenburg.«

»Martin Gerhalt! Vor paar Tagen, wie du mich beim Rufmann allein hast gelassen, da hast du mir’s streng aufgetragen, daß ich acht sollte geben auf ihn. – In der alten Bibel – bald am Anfang – steht die Geschicht, wie ihn der Herr fragt: Wo ist dein Bruder Abel? – Gerhalt, du hast mich zum Hüter gestellt. – Wenn du geblieben wärst und gesehen hättest, wie schreckbar der arme Mensch hat gelitten, und kein End, keins, so lange er lebt. – Das Erbarmen! Mich hat das Erbarmen verführt. Und auch Gedanken, gottlos törichte Gedanken. Nachbar! Es ist eine Sünd geschehen, für die ich keinen Namen weiß. Ein gottlos hoffärtiges Denken. Das all miteinander nix ist auf der Welt, und eine Wohltat, wenn man die Einbildung kunnt löschen. Jesus Maria, und ist jetzt doch was. Unschuldig sind sie und kommen wieder heim. Nur das Böse ist Einbildung und das Gute ist wirklich! Und ich hab’s verkehrt genommen, verkehrt. Die ewige Ruh hab ich gemeint, die sollt ihm ein Freund vergunnen. – Ich hab gewußt, daß er’s will tun, und hab’s übersehen. Gegen die Ach geht er und hab ihn nit zurückgehalten. Aus Erbarmnis hab ich ihn lassen hingehen, mit Absicht hab ich’s versäumt. Mit Nachlässigkeit und halber Absicht, ich sag es dir! Im letzten Augenblick hab ich ihn freilich zurückrufen wollen. Ist zu spät gewesen … Gerhalt, jetzt weißt du’s.«

Der Vorsteher war aufgestanden und hob aus der breiten Brust einen tiefen Atemzug und einen Seufzer. »Gott sei Dank!«

Aber der Michel fing an zu toben. »Wenn ich ihn hätt zurückgehalten – wie wär heut alles in Freuden! – Kommen glückselig heim und finden das Grab und alles ist aus. Und ich die Schuld. Ich ganz allein … Wie kann einer da Gott sei Dank sagen!«

»Weil’s noch schlimmer sein kunnt, mein lieber Michelwirt.«

»Noch schlimmer, wie meinst du das?«

»Du weißt nit, was die Leut reden, die’s jetzt wissen, daß es die Försterbuben nit sind, und nit wissen, wer es ist. Und du tust in der Kirchen den Schrei …«

Jetzt schaute der Michel her. »Die Leut werden doch nit mich –« Er lachte auf.

»Gelt, Michel! Das wär erst das größt’ Unglück, das wär’s erst!«

Wurde der Wirt nachdenklich und sagte: »Hast recht, Gerhalt, das wär’s erst. Aber hörst du: Ist es nit dasselbe?«