Am nächsten Morgen beim Waschen und Anziehen wollte der Friedl gleich wieder plaudern, aber der Elias war wortkarg. Er wird beten, dachte der Friedl, er wird wahrscheinlich schon Brevier beten müssen. So inwendig. Aber als der Student auch später in sich gekehrt blieb, wurde der Friedl besorgt, er könnte den Bruder gestern beleidigt haben. Dann mußte er ihn wieder gut machen. Und mußte bewiesen werden, daß auch er ihm nichts nachtrage, obschon – wie er fand – das Stadtherrlein eigentlich ein bißchen impertinent gewesen war, gestern bei dem Schlafengehen. Unter allen Umständen Friedensschluß. Als Elias die Sachen aus der Tasche in den Kasten einordnete, trat der Friedl vor, legte ihm die Hand auf die Achsel und sprach recht weich und warm: »Brüderl, du könntest mir einen Gefallen tun.«

»Warum denn nicht?«

»Du hast gewiß noch was. Ich hab nix mehr. Geh, sei so gut. Bis auf den ersten April.«

»Aber viel habe ich nicht!«

»Wenn’s auch nur ein paar Zehnerln sind.«

Schneeweiße Jugendlust

Es würde nicht genug Schnee sein, hatten die Burschen von Eustachen besorgt, als der Förster-Friedl sie damals eingeladen zum Rodeln. Aber es war jetzt zu viel Schnee. Es schneite wie mitten im Winter.

In den Mittagsstunden, als sie zusammenkamen vor dem Forsthause bei der Kapelle und als sie die Siebentaler-Leiten in Angriff nahmen, ging es noch recht gut. Da stapften sie, jeder seinen leichten, selbstgezimmerten Rodelschlitten auf dem Rücken, munter bergan. Der Friedl voraus, hinter ihm die Kameraden, zwei Gerhaltsöhne aus Eustachen, die Richterbuben, wie sie genannt wurden, weil ihr Vater, der Gerhalt, seit vielen Jahren Dorfvorsteher war. Sie schleppten gemeinsam einen dreisitzigen Schlitten. Neben ihnen strampften die Säbelbeine des kaiser-königlichen Straßenschotterers Kruspel, der an diesem Tage, obschon Sonntag war, eigentlich kaiser-königlicher Schneeschaufler sein sollte, wenn ihm nicht das Rodeln mehr Vergnügen machte. Er bestand auf seiner »Sonntagsruhe«, bei der er sich anstrengte, wie sonst die ganze Woche nicht. Dann noch ein paar Holzknechtbuben und hinterdrein Elias, der keinen Schlitten hatte, weil er als Patient vom Vater nicht die Erlaubnis bekommen, mitzutun.

Unter allen Umständen dabei sein wollte er doch, so hatte die Sali ihn vom Kopf bis über den Bauch hinab mit Tüchern eingewickelt wie eine Mumie. Als der Junge in dieser Tracht vom Hause so weit entfernt war, daß er im Schneegestöber nicht mehr gesehen werden konnte, riß er sich die Tücher vom Leibe, eines nach dem anderen, warf sie in die Kapelle und stapfte in seinem gewöhnlichen Rocke den anderen nach, die steile Leiten hinan. Hatten die Burschen doch ihre Jacken aufgeknöpft; es war gar nicht kalt. Elias bekam, wie die anderen, rote Wangen, das erste Mal, seit er aus der Stadt gekommen war. Und je schärfer die Schneeflocken ihn anflogen, je glühender wurde sein Gesicht. Nach einer Weile wurde die Leiten (Berglehne) ein wenig flacher, um dann neuerdings steil anzusteigen bis zu den Felsgruppen, die, so licht sie zur Sommerszeit ins Tal schimmern mochten, heute grau sich über dem weißen Schnee erhoben. Länger als eine halbe Stunde hatten sie zu stapfen gehabt, dann waren sie oben bei diesen Wänden und das Abfahren begann.

Jeder setzte sich auf seinen Schlitten, lehnte sich rücklings, streckte die Beine hoch und glitt davon. Fast lautlos geschah alles; sie nahmen sich nicht Zeit zum Sprechen, noch weniger zum Singen und Jauchzen, die Gier nach dem Abfahren war zu groß. Und zu köstlich, wie sie nun durch den scharf schneidenden Wind flogen, in einem Meere von Weiß, still und zart, als schwebten, sausten sie in den freien Lüften. Das Feuer einer großen Lust glühte auf allen Gesichtern.