Elias stand oben und blickte ihnen nach, wie sie davonschliffen, immer rascher und tiefer hinab, bis sie im Gestöber, Nebel und aufgewirbelten Schneestaub verschwanden. – Was wird er jetzt tun? Er schaute ungewiß in die stöbernde Luft auf. Sein Bruder hatte ihn noch geneckt, er solle doch warten, bis sie wieder heraufkämen, und nicht gleichwie sein hebräischer Namensheiliger in den Himmel hineinrodeln auf feurigem Schlitten. Das hatte der Junge einstweilen auch gar nicht im Sinne. Vielmehr trachtete er sich irdisch zu beschäftigen und Geschöpfe zu formen nach Gottes Ebenbilde. Als sie nach einer Stunde wieder herausgekommen waren, lachend und keuchend, da war ein stattlicher Schneemann fertig, der auch schon Arme hatte und sie ausstreckte, entweder um die Welt zu segnen oder sich sein gutes Teil von ihr zu nehmen.

Mittlerweile war das Schneegestöber so dicht geworden, daß es keine Flocken mehr waren, nur ein unendliches Gestäube, das nicht fünfzehn Schritt weit sehen ließ. Noch einmal hatten sie es mit dem Abfahren versucht; die Kufen kamen in dem tiefen, feuchtflaumigen Schnee nicht recht vorwärts. Aber das gab keine weitere Verlegenheit. Lustig begannen sie Schneemänner zu bauen, Schneebären, Schneehirschen, Ungetüme mit drei Hörnern, mit zwei Köpfen, mit aufgespreiteten Rachen, ein wüstes Geschlecht, das mitten in dem Gejohle der Väter lautlos dastand. Nun fiel plötzlich einem der Schneemänner der Kopf vom Leibe und kugelte sachte weiter, bis er liegen blieb.

»Oho, Köpfel!« rief der Friedl, »wenn man einmal was angeht, muß man nit faul werden und liegen bleiben. Weiter!« Er begann den Ballen weiter zu wälzen und der wurde mit jeder Umdrehung größer, jetzt wie ein Zuber, jetzt wie ein Faß, jetzt wie eine Heufuhr – und da wollte er liegen bleiben, denn es war der Boden flach. Hei, wie die Jungen dranstürmten, wie zehn Hände hoben und schoben, um die Wucht weiterzuwälzen. Träge und schwer schlug sie über, einmal, zweimal, zuerst langsam wachsend, immer wachsend, breiter und höher, ein massiger Riesenklumpen, wie ein Haus so groß, wie einer jener Felsklumpen, die sich bisweilen im Gewände loslösen, hinabdonnern, um unten auf grüner Wiese jahrtausendelang als ein Denkmal des Schreckens liegen zu bleiben. Nun kam das weiße, sich mit jedem Augenblicke vom Boden mächtiger mästende Ungeheuer an die Stelle, wo der Hang steiler wird, und nun wirbelte es hinab – hinab – und verschwand im Gestöber. Durch das stille Schneien drang ein dumpfes Dröhnen herauf.

»Jesus, das Haus!« schrie grell die Stimme des Elias. »Das Haus ist hin!«

»Das Forsthaus!«

»Schnurgrad drauf los!« rief der Kruspel mit kreischendem Lachen. »Beim Kugelschieben muß auch der Kegel fallen, mein Lieber!«

Dünn zitterte die Luft. Wie ein hohles Branden aus der Tiefe, so kam es herauf, dann ein gedämpfter Knall, als ob etwas geplatzt wäre, und dann Stille. – Der weiße, unermeßliche Schleier sank lautlos vom Himmel.

Als ob die warmlebigen Burschen selbst Schneemänner geworden wären, so starr standen sie da, schwer erschrocken auch der boshafte Kruspel. Friedl und Elias waren totenblaß. Der Vater ist zu Hause gewesen …

Endlich huben sie an, mit zitternden Beinen talwärts zu gehen. Der Friedl versuchte vergeblich den Schlitten. Der Schnee reichte bis an die Knie. Rasch und rascher kamen sie trotzdem zur Tiefe. Schon hörten sie die Ach rauschen, alles übrige verdeckte noch der schneiende Nebel. Der Friedl blieb stehen, legte die Hand aufs Herz und sagte: »Elias, ich kann nimmer weiter!«

»Komm, Bruder! Unser Herrgott! Vertrauen wir!«