Der Junge hatte Angst, sie würden das Lied unterbrechen, wenn sie sein Schluchzen hörten. Die Jungfrau Maria war ja seine heimliche Liebe, von der er niemand was sagte. Seit die Sali ihm als kleinem Knaben die Marienlegenden erzählt, war dieses himmlische Anbild in ihm. Als Kind hatte er in Marien die Mutter verehrt, als Jüngling liebte er in ihr die Jungfrau. Von einem Rosenkranze umgeben, von Engeln umkreist, im schneeweißen Gewand, auf dem Haupte die Krone der Himmelskönigin, ganz wie im Liede, so steht sie vor ihm, wenn er betet oder wenn er aufwacht in stiller Nachtstunde. Ernst und gütig, so schaut sie auf ihn herab, und aus den milden Händen, die sie über ihn hält, gehen lichte Strahlen nieder auf sein Haupt: Die heilige Inbrunst seines Herzens, die er nimmer konnte herausbeten, die ihm fast weh tat – in der wundersamen Melodie dieses Liedes löste sie sich selig. Darum mußte der Junge so schluchzen.

Die Sänger stimmten ihre Saiten und räusperten sich für was anderes. Da schlich Elias hinaus, das Marienlied wollte er sich durch keinen anderen Klang aus dem Ohre scheuchen lassen.

Die Sali hatte sich auch zurückziehen müssen von ihrem Horcherwinkel, um den Kaffeetisch zu besorgen. Milch und Sahne, Weißbrot und Butter waren schon lange erwogen und bereitet. Kaffee, die feinste Art, wie man sie in Eustachen nicht kriegt, die man draußen beim Kaufmann in Ruppersbach holen muß. Nun steht alles auf dem zierlich gedeckten Tische bereit; aus der Tasse dampft heiß herzerfreuender Geruch – und nun dankt der Michelwirt freundlich und sagt, Kaffee trinke er nicht.

Anfangs ist die Sali sprachlos. Allmählich kommt sie zu ihren Kräften. Mit umflorter Stimme, der schier das Weinen nahe, in dumpfem Ernste fragt sie ihn, weshalb er denn eigentlich die Einladung zum Kaffee angenommen habe, wenn er keinen Kaffee trinke?!

Dieser Mensch ist so leichtsinnig, daß er lachen kann. Wegen eines Essens sei er nicht gekommen, das habe er zu Hause auch. Er nähme am Nachmittag überhaupt nichts. Zum Plaudern und Singen sei er da und zu sonst nichts. Und ließ die Schale klappfest stehen, bis sie eine Haut hatte. Und saß munter am Tische und strich mit beiden Händen seinen Bart. Dieser lange, schwarze Bart! Nie noch war dieser Bart der kleinen Alten so zuwider gewesen als jetzt, da der Mensch ihr den Kaffee verschmäht. Die Helenerl konnte nach Herzenslust und mit noch so feinem Schick ihr Butterbrötlein streichen und aus der weißen Schale schlürfen – der Sali Freude war dahin. Belebte sich auch nicht mehr, als der Michelwirt mit schmatzendem Behagen Honigbrot aß und alles, was da war, überschwänglich lobte.

Mit drolliger Beklommenheit steckte es ihm dann der Förster: »Ist nicht wieder gutzumachen, Freund, es ist nie wieder gutzumachen! Du kannst sie als Ehebrecherin oder als Leichenschänderin verleumden, sie wird dir verzeihen. Aber daß du ihren Kaffee verschmäht hast, das verzeiht sie nimmer.«

Nach dem Kaffee ging die Helenerl einmal ins Freie, um sich noch vor dem Abenddunkel die kleine Wirtschaft anzusehen.

Sie begegnete dem Studenten, neben dem sie ein Weilchen einherschritt. Er redete aber nicht viel.

Obschon auch sie auf das Reden nicht eingeschlossen war, zu dem möchte sie doch was sagen. Wenn sie nur wüßte, was man mit so einem kleinen Studenten spricht. Ihre gegenseitige Verlegenheit kam ihr übrigens ganz lustig vor. Ja wahrlich, sie könnte ihn fragen fürs erste, ob er nicht einen Kaffee wollte trinken gehen, fürs zweite, ob er schon ein wenig Messe lesen könne? Überlegte sich’s aber, ob das eine, das Bemuttern, sich bei so einem jungen Stadtherrn wohl schicke, und ob er das andere nicht etwa für ein Gespötte halten könne.

Er ließ sie rechts gehen, blieb ihr aber zwei Schritte im Abstand. So gingen sie nebeneinander bis zur Brücke und über dieselbe. Und auf derselben sagte sie: »Das Wasser tut so stark rauschen, daß man kein Wort versteht.«