Holte in seiner Stube Rock und Hut und ging davon.

Die Luft war feucht und kühl, es hatte geregnet. Eine friedsame Stille, und dieses leichte, reine Atmen! Wie töricht, in einem dumpfen, stinkenden Kasten zu sitzen, zu schreien, zu fluchen, zu schweinigeln, sich krank zu fressen, sich zur Bestie niederzusaufen! Und das nennen sie Feiertag, das ist ein Bauernfeiertag! –

Am Dorfende, wo die Landstraße hinausführt über die braunen Felder, die stellenweise anhuben zu grünen, arbeitete der Kruspel. Mit einer eisernen Krücke kraute er den Straßenkot ab, um ihn dann auf der Schiebtruhe wegzuschaffen.

Da dachte der Michel: Das ist zwar eine Dreckarbeit, aber ist Arbeit. Und noch dazu eine ehrliche. Ich bin der Wirt zum schwarzen Michel, vor dem alle den Hut rucken, und meine Arbeit weist nicht so viel Rechtschaffenes auf wie die da von dem Straßenputzer. Der schafft den Dreck weg, ich sammle ihn an, eine ganze Stuben voll. Und muß den Kasperl spielen, damit dieser Unflat auch genügend Kurzweil hat. Wegen der paar Groschen da! Ekelhaft. Vor Zeiten, da die Straßen noch voller Leute und Fuhrwerk sind gewesen, ja, da haben solche Wirtshäuser auch was Ordentliches vorgestellt. Und die Wirte schon auch. Ihre Schilder über dem Tor sind ferme Adelswappen gewesen. Mein Vater, Michel Schwarzaug wie ich! Ha, lachen muß ich! Der hat sich auf den schwarzen Michel einen Kren eingebildet. Beim Wirtshaus ist das Schild die Hauptsach’, hat er gern gesagt. Seit einhundertdreißig Jahren sind die Schwarzaugen auf diesem Einkehrhaus und seit so lange heißt’s zum schwarzen Michel; hat jeder Bub, der das Haus übernommen, Michel heißen und schwarz Aug’ und Haar haben müssen. Und wenn ich blond wär’ gewesen, hätt’ er mich verjagt, wie ein strohgelber Bruder meines Großvaters verjagt worden ist. Das Schild, ja, das ist rein geblieben derweil. Aber das Einkehrhaus will zu einer Lumpenschenke werden. Dazu paß ich nimmer und mein Weib auch nit und die Helenerl schon gar nit. Wenn’s ein Touristenwirtshaus wäre, ein Alpenhospiz. Wo die harten Stein- und Eisberge, die wilden Wetter Wacht halten, eine heilige Wacht in der Hochwildnis, daß keine Sündhaftigkeit und kein Frevel mag aufkommen. So ein Bergwirt in der Einsam, zu dem nur die fröhlich-frommen Naturanbeter hinaufsteigen, was kann er schaffen, wie vielen Leuten kann er Gutes tun und wie dankbar sind sie für die Heimstatt, für die wirtliche Sorgfalt in des Wetters Unbill und in den Gefahren der Hochtouren.

So sann der Michel. Mit Wehmut fast erinnerte er sich ans alte Hospiz auf dem Hohen Tauern, wo er einmal eine Weile Kellnerjunge gewesen. Das ganze Haus stand im Dienste der Nächstenliebe. Immer die geheizte Stube, die warme Suppe, wartend auf den erschöpften, halberstarrten Ankömmling. Immer stieg jemand auf den Moränen umher, sah und horchte hinab in die Kare, in die Wände, in das Eis, ob nicht etwa jemand in Not sei. Aus vielen Ländern kamen hochgemute Menschen zusammen, fanden sich gegenseitig brüderlich bereit zum Beistand. Alles war lautere Kraftfreude, Naturfreude. Am Abend mahnte der Wirt beizeiten die Gäste zu Bette, auf daß sie am nächsten Frühmorgen mit frischer Begeisterung des Hochgebirges Herrlichkeit genießen und feiern konnten. Ja, da weiß der Wirt, wozu er auf der Welt ist.

»Na, Michelwirt!« sagte er laut zu sich selbst. »Für so was bist du zu alt. Angehender Fünfziger, da zahlt sich keine große Veränderung mehr aus. Aber so kann’s auch nimmer lang bleiben.«

Damit war sein Sinnen nicht zu Ende. Das spann sich weiter: Zuletzt ist eins wie’s andere. Wie sich’s der Mensch einbildet, nit anders. Wie er sich’s einbildet. Ja, wenn’s so wär, daß der Mensch sein Leben, wenn es aus ist, allemal beim Anfang wieder anheben könnt! Oder müßt! Und wiederholen, eins wie’s anderemal, ganz gleich. Nachher möcht sich’s schon auszahlen, daß man betrübt wär um das verpfuschte Leben, das immer gleich verpfuscht wiederkehrt. Nachher schon. Aber so nit. So zahlt sich’s nit aus, daß sich einer abgrimmt wegen der paar Jahrln da. Vorher nix und nachher auch nix. Bissel Einbildung, paar besoffene Bauern da, haben’s eh hart auf der Welt, nix Gutes. Bisweilen eine Sauerei, wenn sie sich dabei unterhalten. Warum nit! Ist ihnen zu gunnen. So muß man sich denken; aber Schandbares nix, nur nix Schandbares einbilden. Bissel ehrbar sollt’s wohl hergehen im Kopf und im Haus, wenn man schon meint, daß eins ist. Aus den schwarzen Micheln ist ein blondes, blauäugiges Dirndl worden, mit den Schwarzaugen ist’s aus. Aber auch ums Blauäuglein herum – wenn man sich schon einbildet, daß eins ist – muß es ehrbar hergehen. Immer kommt mir für, es steht eine Veränderung vor. So kann’s nimmer lang bleiben.

Es war dort, wo die Straße auf einer langen Holzbrücke über die Mur führt, hinauf gegen Sandau und Sandwiesen. An der Brücke kehrte er um; aber nicht mehr auf der Straße ging er zurück, sondern am Fußsteig, den Fluß entlang. Er schaute ins Wasser, wie es in hohen braunen Wellen daherwogt mit stiller Gewalt, ohne Rauschen und Brausen. Aber der Boden dröhnte leise. Ist es der Regentage wegen oder ist im Hochgebirge schon die Schneeschmelze eingetreten?

Auf einem Uferstein sitzt ein fremder Mensch im schwarzen Gewand und hält die Angelstange über das Wasser hinaus, zieht sie aber nie in die Höhe. Der Michel steht hinter einer Weide und schaut dem Fischer zu, will just einmal wissen, wie lange bei Fischern die Geduld vorhält. Ja – sie hält bei Fischern länger vor als bei Wirten; der Mensch sitzt unbeweglich da und hält die Stange unbeweglich hinaus. Da tritt der Michel ihm nahe und spricht mit Fröhlichkeit: »Ja, will denn gar nix anbeißen?«

Der Fischer schaut nicht erst um, wer es sei, der da fragt, gleichgültig gibt er zur Antwort: »Anbeißen schon, aber ’s ist allemal nur ein Fisch.«