»Aber Friedl,« sagte Elias, »wer wird sich denn wegen solcher Sachen so giften! Hast ja selber den Schaden vom Giften. Der Kruspel lacht, wenn er’s erfährt, daß er dich so wurmen kann. Der Wegmacherbub ist Luft und sonst gar nichts, so mußt du denken. Und dir nichts machen aus ihm. Hernach gift’t er sich.«
»Großartig, wie du gescheit bist, Student!«
»Mein Gott, ich gescheit!« antwortete Elias einfältig. »Wie soll denn ich gescheit sein können! Hab noch nichts erlebt. Kann mir wohl denken, daß es schwer sein wird, zu verzeihen, wenn einer so was am eigenen Leib erfahren hat. Aber schau, der Christ muß sich was gefallen lassen können. Bist ja im Vorteil. Denke, wenn du so gemein wärest wie der Kruspel, das wär ein Jammer! Er ist ein starkes Tier und hat dich auf den Erdboden geworfen. Du bist ein starker Mensch und stehst wieder auf. Und gehst deines Weges und bist still und vergißt. Hättest du denn keine Freude an dir, wenn du so sein könntest? Gib dich zur Ruh und denke, daß auch der Herr Jesus hat unschuldig müssen leiden. Was dem Menschen kommt, das soll er mannbar ertragen und still sein. ’s ist ja bald vorbei. Denke, Fridolin, auf dieser Welt währt’s nicht lang und nachher, wie wird der Kruspel in der Ewigkeit ein armseliger Wurm sein und du ein schöner Engel!«
»Weißt du,« sagte jetzt der Friedl, »meinetwegen mag der Wegmacherbub nachher sein, was der will, nur Prügel muß er jetzt kriegen. Geh in dein Bett, du frommes Knäblein du, auf deine Christenlehr kommt mir der Schlaf. Gute Nacht!«
Das ist in derselben Nacht gesprochen worden, dann schliefen sie ein, und der Mond legte seine blassen Fenstertafeln auf die Dielen hin und der nächtliche Frieden lag über den beiden jungen Herzen, in welchen die Sanftmut und die Rache wohnten.
Dann kam wieder ein Tag und wieder eine Nacht. Der Friedl hatte seines Feindes nicht mehr erwähnt, er war nicht heiter, aber auch nicht mehr finster. Elias war voll Beseligung darüber, daß sein Zureden beruhigt hatte. Er konnte nicht wissen, daß der Bruder in seiner Rocktasche ein Pappenschächtlein hatte, und noch weniger, was da drinnen war. Der Friedl ließ manchmal die Augen rollen und schwieg. Da ist es in einer Nacht gewesen, daß Elias plötzlich erwacht. Draußen in der Vorstube ein Geräusch, als ob jemand etwas vom Wandnagel herabgenommen hätte. Elias schaute auf das Bett seines Bruders hin, der Mond schien auf das weiße Linnen, es lag wulstig zurückgeworfen, der Friedl war nicht da. Der Junge sprang rasch auf und zog sich an, auch Stiefel und Hut, und ging hinaus. In der Vorstube ein Blick an die Wand, wo das Schrotgewehr zu hängen pflegte; das war nicht da.
In der nächsten Minute eilte Elias über die Brücke der rauschenden Ach und auf dem Wege dahin gegen Eustachen. Was kann er sonst wollen bei der Nacht? Da gibt’s ein Leben zu retten! Nicht an das Leben des Wegmacherbuben dachte er, als er eilte, mehr laufend als gehend. Das Leben seines Bruders, das zeitliche und das ewige! Das ist schon wert, daß sich einer die Lunge zu Tode lauft. So viel wird schon übrigbleiben, um ihn zu beschwören: Bei dem Andenken unserer Mutter, tu’s nicht! Der Friedl hatte sie ja noch gekannt, fünf Jahre lang war sie bei ihm gewesen, hatte ihn hundertmal geküßt und gesegnet. Er kann’s nicht tun. Mutter im Himmel, bitt für ihn bei Gott zu dieser Stunde! Der Vollmond, der sein weißes Licht so mild vom Himmel gießt, das ist ein Gnadenstrom! –
Schon war Elias am Wegkreuze, wo das Hochtal in den Murboden ausweitet, und hatte ihn noch nicht eingeholt. Hatte der Friedl den Fußsteig über die Böschung am Waldrande genommen? Dann muß er ihn am Rain treffen, hinter der Lechnerhütte. Der Kruspel wohnte bei seiner Base in der Lechnerhütte. Also quer über die Wiese hin.
Da hört er Schritte, er horcht, er weiß noch nicht, woher, sie tapfen nur so in der Luft; vom Waldrande herab kommt eine schmale, lange Gestalt, gespensterhaft lang, denn es war ein Mann und sein Schatten, die sich in gerader Linie fortsetzten. Elias ging ihm langsam entgegen.
»Wer ist’s?« fragte der Friedl erschrocken.