Der Student antwortete nicht, trat an den Bruder entschlossen heran und langte nach dessen Gewehr. Sie rangen. Schweigend rangen sie um die Waffe, nicht heftig oder zornig, nur zähe und überlegsam, scheinbar fast gemütlich. Aber die Arme, die sich gegenseitig zu biegen, zu fassen, abzuwehren suchten, waren stramm gespannt. Nach einer Weile standen sie still und schnauften. Elias hielt seinen Bruder am Rockflügel fest.
»Gib mir das Gewehr, Friedl!« sagte er halb drohend, halb bittend.
Der Friedl war ein wenig überrascht von der Kraft des schlanken Burschen, obschon er selbst ihm seine zwanzigjährige Gewalt noch nicht eigentlich hatte spüren lassen. Er hatte nur den Angreifer vor sich abzuhalten und das Gewehr hinter dem Rücken zu bergen. Da machte Elias plötzlich einen Sprung, erfaßte den Riemen, im nächsten Augenblicke wurde die Waffe festgehalten von vier Händen, da knallte es und die Schweinsborsten sausten in die Luft hinaus. Damit hatte der Kampf ein Ende. Der Friedl ließ die Waffe los, was sollte sie ihm auch, er hatte keine Ladung für einen zweiten Schuß; seinen Ärger wußte er nicht anders anzubringen, als daß er dem Studenten mit aller Macht ins Gesicht schrie: »Du dummes Schaf!« und langsam dahinsüffelte über die taunasse Wiese.
Elias ging mit seiner Trophäe wieder ins Hochtal hinein, dem Forsthause zu. Das »dumme Schaf« machte ihm gar nichts. Er nahm es für eine Umschreibung des einfältigen und unschuldigen Schäfleins in der Bibel. Er kam sich bedeutend vor! Wie ein tapferer Kämpfer, wie ein eifriger Seelsorger.
Über den dunklen Bergen lichtete sich der Himmel. Es war der Morgen da. Über die Ach geschritten, versteckte der Junge das Gewehr unter dem Brückenkopf, und wie er aus dem Hause geschlichen war, so wollte er wieder hineinschleichen. Es war ja natürlich, daß von dieser Geschichte niemand etwas erfahren dürfe. Aber es kam anders, als er sich das gedacht hatte.
Ein Weilchen nach Mitternacht hatte die alte Sali an die Schlafzimmertür des Försters geklopft. Ob er nichts höre? rief sie durch das Holz, im Hause sei ein Unfrieden, vom Vorboden her habe sie etwas vernommen und das Haustor habe sie gehen gehört.
»Hast es abends gut zugesperrt?«
»Zweimal den Schlüssel um.«
»So kann niemand hereingegangen sein.«
»Aber, Herr Rufmann, was hilft denn das! Wenn ich was gehört hab!«