Barg der Junge sich leidenschaftlich schluchzend an des Vaters Brust: »Ich bleibe gern daheim. Ich bleibe viel lieber daheim. Mein Vater – ich mag nicht fort, ich bitt dich, laß mich daheim bleiben!«

Das war Antwort genug.

Wer hat dich aufgebaut, du hoher Wald!

Um das Forsthaus, wie sehr es auch im kühlen Schatten der Berge steht – begann sachte die Herrlichkeit.

Die Eriken, Schneeglöckchen Und Weidenkätzchen hatten schon lange den bunten Tanz eröffnet zwischen Schnee und Eis. Nun waren auf den Angern die weißroten Ruckerln da und der goldkronige Löwenzahn, auf den Wiesen die blauen Meingedenk, selbst in den Sümpfen der Ach leuchteten die Dotterblumen. Blumen und Rosen aller Art hatte die Sonne hervorgelockt aus feuchter Scholle, um sie zu küssen und in warmer Liebe zu erziehen zu Wesen, die was taugen. An den Hängen grünten die Lärchen, aber je höher hinauf, je blasser ihr Grün. Nahe den Almen standen sie noch in ihren fahlen winterlichen Besen. Auch die Fichten setzten schon ihre weichen Triebe an und die Blätterröllchen der Laubhölzer entfalteten sich mehr von Tag zu Tag. Die Ach rollte rasch und wild in ihrem Bette. Je sommerlicher der Tag, je wilder schwoll die Tauernach. Die Brücke zitterte leise. Aber das Grollen und Drohen kam nicht auf. Vogelsingen überall und ohne Ende, und wo irgend ein paar Bäume sich gegenüberstanden, da saßen auf den Wipfeln Finken und führten miteinander das hellzwitschernde Vogelgespräch. Aber auch die Amsel war überall, die Lerche war schon da, allerlei Gefieder schwätzte, lockte, freite, zankte, sang und jubelte durcheinander und mehr als einer auf den Gipfeln rief mit heller Stimme: »Elias! Elias!«

Dieser bereute es nicht, sich für das Bergland entschieden zu haben. Mit dem Bruder gab’s zwar jeden Tag Meinungsverschiedenheit; aber wenn er glaubte, ihn gekränkt zu haben mit seinen lehrhaften Zusprüchen, ging er ihm so lange nach und legte ihm alles, was er hatte, zu Füßen, bis der Friedl wieder »gut« war. Insgeheim nahm dieser dem Studenten nichts übel, er tat nur manchmal so, um den kleinen Theologen unterzukriegen.

Elias fing nun an, seine Bücher zu vergessen. Gerne ging er mit dem Vater in den Wäldern um, ließ sich von ihm das Wesen der Bäume deuten, das Leben der Holzknechte schildern und auch die Arbeit von da an, wo mit blinkender Blattsäge der Baum gefällt, zu Blöcken geschnitten, auf Holzrinnen zu Tal gefördert, zu Scheitern gespaltet, zu Meilern geschichtet, mit Löschkohle bedeckt, angezündet und zu kostbaren Kohlen gebrannt wird. Oder wie die Stämme in langen »Blöchern« nach Eustachen zum Sägewerk geschleppt und dort zu Brettern geschnitten oder als Zimmerbäume der fernen Eisenbahn zugeführt werden. Die Lärchenstämme reisen in die weite Welt zu Wasserbauten, zu Schiffsmasten. Das Holz der Buchen und Wildulmen wird in den Häusern als Brennstoff verwendet. Die Ahorne bekommt der Böttcher, die Birken der Wagner, die Eschen der Holzschnitzer; aus dem verknorrten Gezirm zimmert der Tischler die wertvollsten Möbel für Touristenhäuser und Jagdschlösser. Da staunte der Elias. Das waren andere Buchstaben, als die in seinen Grammatiken standen. So buchstabiert aus dem Wald sich ja die Welt zusammen!

Eines Tages kamen sie in die Bärenstuben. Dort waren gewaltige Holzstöße geschichtet und daneben mehrere Meiler gebaut. Aber sie rauchten nicht. Der Förster öffnete mit einem eisernen Zungenschlüssel die Hüttentür. Modrige Luft auf dem Fletz, wüstes Gestrohe und ein paar faulige Lappen. Er erzählte dem Jungen, wie hier eine Weile der Krauthas gehaust habe. Ein tüchtiger Kohlenbrenner, aber sonst ein Strick. Um die mühseligen Eltern zu ernähren, habe dieser Krauthas einmal zu wildern angefangen und sei dann eine Weile gesessen. Habe nachher keine Arbeit finden können, bis man es bei der Kohlenbrennerei mit ihm versucht. Aber es sei schon gar nicht gegangen. Mit einer Wurznerin hätt er zusammengewohnt, die sei ihm durchgegangen, ihre Tochter wäre ein bildschönes Dirndel gewesen, das ein Herr aus Löwenburg, der es auf einer Gemsjagd kennen gelernt, mit sich genommen. Viel Ehre würde auch da nicht herausschauen. Bei der Tochter solle der Krauthas nun auch wohnen. »Wenn dieser Mensch nicht viel nutz geworden ist,« schloß der Förster, »so muß es einen nicht groß wundern. Was so ein armer Teufel durchzumachen hat – der müßte aus besserem Holze sein als die meisten Leut, wenn er nicht schließlich ein Spitzbub werden soll!«

Dann besuchten sie die Holzschläge des Teschenwaldes und der Wildwiesen, wo Elias das erstemal Respekt bekam vor seinem Bruder. Der Friedl werkte mit Beil und Säge wie ein richtiger Holzknecht, in Hemdärmeln, und hübsch verschweißt wie die anderen. Flink griff er ein. Bei der Niederlegung einer großen Tanne, die während des Falles an dem Geäste anderer Bäume hängen geblieben war, verriet er eine solche Geschicklichkeit, daß der Förster schon Bravo rufen wollte, wenn es ihm nicht noch rechtzeitig eingefallen wäre, daß die Arbeit kein Theater ist. Gar ernsthaft und schier schweigsam gehabte sich der Friedl; wenn er aber zwischen Schub und Hieb doch ein kurzes Wörtlein sagte, so war es ein lustiges. Der Wegmacherbub war nahezu verschwitzt; indes, die Schweinsborsten, die seiner Haut zugedacht gewesen, sollen ihn schon noch einmal kitzeln.

Elias hatte dem jungen Holzknecht eine Weile schweigend zugeschaut, dabei kamen ihm aber ungute Gedanken. Er maß diese kernige Arbeit an der seinen auf dem Papier. Wie die windig ist! Hier sah er, daß körperliche Arbeit gar nicht so mechanisch ist, wie man sagt. Wieviel Denken und Geschicklichkeit gehört dazu, bis so ein mächtiger Tannenbaum in Scheitern liegt oder gar zu Bauten verarbeitet ist. Und wie wenig Geist ist vonnöten, um grammatikalische Regeln zu lernen, nach der Schablone mathematische Rechnungen auszuführen, die Kapitel aus Katechismus und Kirchengeschichte zu memorieren und dergleichen! Ist nicht im Lehrzimmer die Mechanik und im Walde der Geist?