Daß du, lieber Freund und Philosoph, meinen Vorschlag wegen deiner Sommerfrische im Almgai rundweg abgelehnt hast, war für mich sehr schmerzlich, ist aber — näher bedacht — gut. Du hast recht, es wäre schade um die Erdreich-Märchenstimmung, die uns jetzt so berückt, und die entzaubert sein müßte, wenn ein moderner Stadtmensch im Grase läge und dem düngerkrauenden und kartoffelbauenden Freund unter schöngeistigen Gedanken zusähe. Du hast tausendmal recht, das Erdreichjahr muß in dem Ernste seiner großen Einsamkeit durchgelebt und durchgelitten werden. Läuternd! Es mag ja sein, denn manchmal brennts wie Fegefeuer durch meine arme Seele. Es ist oft eine geradezu blutige Mühsal. Und das Elend der Hausgenossen! Sie empfinden es zwar nur halb; ihr heimliches Leid krallt sich einem um so weher an, je ergebener es ertragen wird. Endlich das Heimweh nach Geistesleben! Hundertmal mag ich es mir vorsagen: es ist nichts dahinter, es verödet nur das Herz! Zum Teufel auch! In meiner Lage alles Geistesleben so brutal entbehren zu müssen, das verödet und verblödet das Herz! — Nun, du nennst das ein Auslüften der staubigen Stadtseele, und es wird endlich wohl das rechte Wort sein. Mein Leben lang werde ich dir danken müssen für deinen Zuspruch in dieser Zeit der Verwandlung.
Oft habe ich in der furchtbaren Einschicht keine andere Labe als — das Mitleid. Je hochgemuter die Adamsleute sind, um so mehr erbarmen sie mich, und je mehr Erbarmen, um so mehr Seligkeit. Jetzt fange ich erst an zu ahnen, was uns das Leid bedeutet. Es ist der Verzweiflung Gegengift. Besonders in meinem Falle. Von der großen Alpennatur, den Schönheiten der Landschaft hatte ich so vieles erwartet. Nein doch, derlei gefällt nur dann, wenn man sich selber hineinlegen und wieder herausgenießen kann, wenn die Seele frei, das Gemüt in Ordnung ist. Ein Ersatz ist es nicht. Und so bleiben nur noch die armen Menschen. Dem Himmel ist es in einer losen Laune eingefallen, diesen Adamshauserleuten mich zum Beistande zu geben. Gerade mich! Na gut, er soll sich nicht vergriffen haben.
Zur Zerstreuung stellt sich bisweilen irgend ein kleines Ungemach ein, das strenge genommen, ganz unnötig ist und also auch nicht bezahlt wird von der Fürsehung. Aus diesem Blatt wirst du Terpentin riechen. Das kommt so: In der vorigen Woche sind wir beim „Zäunen“ gewesen. Das heißt, wir haben Stangenschranken ausgebessert, so da Weide und Feld voneinander scheiden und auch die Besitzgrenzen feststellen. Letztere, will ich dich lehren, sind solche Schranken, an welchen bisweilen die Seelen verstorbener Grenzfälscher ruhelos gespenstern müssen, bis der versetzte Grenzpfahl wieder an der richtigen Stelle steht. So sei, erzählte mir der Adam, am Grenzzaun des Nachbars jahrelang in den Nächten der alte verstorbene Schlappzopf hin- und hergegangen und habe kläglich gewimmert. Der Adam habe wohl gedacht, da handle es sich um eine Grenzfälschung zum Nachteil des Adamshauses. Weil er aber doch nicht wissen konnte, um wieviel es gefehlt sei, so habe er den Pfahl nicht berichtigen können, habe jedoch in einer Pfingstsonntagsnacht, als der Schlappzopf wieder gewandelt sei und wieder kläglich gewimmert habe, dem Geiste zugerufen: „Nachbar, im Namen Gottes sollst du erlöst sein und mir nichts mehr schuldig sein, und der Grenzpfahl soll stehen bleiben wie er steht, und soll’s deinen Nachkommen geschenkt sein!“ Darauf sei der Geist verschwunden. Hingegen wäre in einer der nächsten Nächte ein anderer Geist an das Bett des Adams getreten, sein Großvater, und der hätte sich beklagt, daß der Adam was hergeschenkt hätte, das nicht ihm gehört. Und dann habe der Adam darüber nachgedacht, daß man wohl ein Kalb oder einen Wagen herschenken könne, nicht aber ein Stück Erdreich, das keinem gehört, weil es allen gehört. Den Nachkommen wie den Vorfahren, dem ganzen Geschlechte. Hernach habe der Adam mit seinen Leuten gesprochen, sie hätten sich mit dem Nachbar aber nicht anders vergleichen können, hätten ihm fünfzig Klafter abgekauft und die Grenze um soviel hinübergerückt. Dann sei Frieden gewesen.
Da hast du meinen ganzen Adam, zuerst schenkt er das Eigen hin, damit der alte Nachbar erlöst sei, dann kauft er’s wieder zurück, damit sein Großvater Ruhe habe. Und du siehst aus dieser Geschichte die Unveräußerlichkeit der angestammten Bauernscholle. Im Bauerntume kann man auch von Geistererscheinungen etwas lernen.
Nun also wir haben den Zaun neu gemacht. Der Hausvater trieb zu paar und paar die Stecken in den Erdboden, ich legte die Stangen dazwischen, junge Lärchstämmlinge, die wir vorher im Dickicht geschlagen und entästet hatten. Dann wand er um die Stecken frische Bänder aus Fichtenbaumzweigen, die der Rocherl am offenen Feldfeuer gebäht hatte, damit sie die nötige Zähigkeit gewannen. Der „Einhandel“ ist allemal vergnügt, wenn sich eine Beschäftigung findet, die er gleich einem ganzen Menschen verrichten kann. Ein ganzer Mensch möchte er sein, wie alle anderen, aber seine rechte Hand ist ohnmächtig, wie dürres Holz, nur weh thut sie wie Menschenfleisch. Und da bricht in dem armen Burschen manchmal eine Verzweiflung hervor, die uns alle hart bekümmert.
Was ist dagegen meine Wunde an der Hand? Und nun komm ich bald zum Terpentin. Es ist der Vorabend des Christihimmelfahrtsfestes und um vier Uhr nachmittags verkündet der Hausvater bei unserem Zaunmachen den Feierabend.
„In Gottes Namen lassen wir’s gut sein,“ pflegt er zu sagen, wobei mir allemal das Bibelwort von der Erschaffung der Welt einfällt: Und er sah, daß es gut war. — Ich aber sah diesmal am vorigen Mittwoch daß es nicht gut war. Es blieb da noch eine Zaunlücke offen, durch die des Nachbars Weidekühe leicht auf unser schön grünendes Haferfeld kommen konnten, während wir am Himmelfahrtstag in der Kirche saßen. Ich blieb also allein zurück, um die Lücke einstweilen mit Stangen zu verrammeln, und dabei stieß ich mir einen scharfen Holzsplitter in den Ballen der rechten Hand. Der Adam hat nachher mit der Taschenfeitelspitze wohl einen Teil davon herausbekommen, was aber drinnen blieb, das stach höllisch auf einen Nerv. Die Hausmutter kam mit ihrem schwarzglänzenden Pechöltopf, schmierte ein Pflaster und legte es über meine Hand. „Das zieht den Spell schon heraus.“
Zwei Nächte lang habe ich wenig geschlafen und wollte mich zum Ärgernis des ganzen Hauses schon aufmachen nach dem Doktor in Kailing, da begann doch endlich der Balken herauszuschwären. Er ist nicht größer als ein Hagebuttdorn und man ärgert sich baß über den Nerv, der einer solchen Kleinigkeit wegen so aufgebracht ist.
„Der Nerv ist halt nervös,“ meinte der Rocherl aus Erfahrung. Ich bin immer seelenvergnügt, wenn er humoristisch wird und du weißt jetzt, weshalb das Papier nach Pechöl riecht.
Vorgestern hat mein Hausvater in der großen Stube ein weitläufiges Gerüste aufgestellt, das noch mehr Verwirrung anrichtete als vorhin die Schuster. Ein Gefüge von Schrägen, Balken, Rollen, Haspeln, Rädern und allerhand Zeug. Lange wußte ich nicht, was denn das wieder bedeuten soll und zum Fragen ist er gewöhnlich auch zu stolz, der Herr Knecht. Am Nachmittage, als der Adam von Spulen und Haspeln Garn auf die Rolle zog, begann mir zu dämmern, und als dann auch das Schiffchen zum Vorschein kam und wie es bei jedem Ineinanderschlagen der zwei Garnrahmen lustig zwischen den Fäden durchpfiff, konnte sogar ein Redakteur der volkswirtschaftlichen Rubrik nicht mehr länger darüber in Zweifel bleiben, daß es ein Webstuhl ist.