Wie man dreist behaupten kann, daß die gewöhnliche Holzrolle zur Weiterbewegung von Lasten eine wichtigere Erfindung war, als später die Lokomotive und das einfache Spinnrad der Häuslerin die sinnreichsten Spinnereien der Welt an Bedeutung in den Schatten stellt, so darf ich auch sagen, daß der altbäuerliche Webstuhl in seiner Einfachheit, mit den schlichtesten Mitteln die größte Zweckmäßigkeit erzielend, doch eigentlich merkwürdiger ist, als alle kunstreichen Einrichtungen einer modernen Tuchfabrik, die ja auch aus dem Bauernwebstuhle hervorgegangen. Ein einziger Mann mit zwei Beinen zum Treten, zwei Armen zum Schnellen und einem Kopf zum Denken macht aus dem losen Garn die schöne, glatte Leinwand.
Wohl sehr mit einem Kopf zum Denken!
Recht lehrreich wäre es für den Städter, einmal ein Auge zu legen auf die Vielseitigkeit eines „dummen Bauers“. Nebst des Betriebes einer vielgliedrigen Landwirtschaft, die hier in Ackerbau, Viehzucht und Holzarbeit besteht, kann der Bauer nicht bloß Korn mahlen, Leinöl pressen, Haus zimmern, Dach decken, Ofen bauen, Brunnen graben, Kohlen brennen, Pechöl sieden, Most pressen, Branntwein destillieren, sondern auch Garn spinnen, Leinwand weben, Wolle wirken, Loden walchen, Leder gerben, kurz alles, was in eine Wirtschaft schlägt, die sich selbst genügen muß. Ein Vergnügen war es, dem Adam zuzusehen, mit welcher Fertigkeit er den Webstuhl betrieb. Man muß nur wissen, was das heißt: Garn! Ich hatte bloß einen ganz kleinen Handlangerdienst zu leisten und augenblicklich war ich umgarnt. Ich versuchte abzustreifen, wendete mich nach allen Seiten herum, begann zu zappeln und zu kreisen und geriet immer tiefer hinein, so daß es dann selbst die Hausmutter nicht zu stande brachte, mich zu erlösen. Sie schalt auch zu sehr dabei, war zu ungeduldig, ein Fehler, den das Garn am allerwenigsten vertragen kann. Ich geriet bei jeder Anstrengung, den hundertfachen Fäden und Maschen zu entkommen, nur immer tiefer ins Gewirre. So daß endlich die Barbel gerufen werden mußte, um die däppische Hummel aus dem Spinnengewebe zu befreien. Als das Mädel hereinkam, war mir’s just, als käme die Kreuzspinne nachsehen, welche Beute diesmal im Gewebe hängen geblieben ist. Während sie in aller Gelassenheit mit zarter Hand die Fäden von meinen Armen und Beinen nestelte und auch die Schlingen um Brust und Hals lockerte, ward die Umstrickung erst vollkommen....
Wenn das der Schullehrer erfährt! Ich vermute, daß die Leinwand, die der Adam webert, zur Hochzeitsausstattung kommen wird. Und ist schon einmal der zugewanderte Knecht im Garn gesessen! Thorheit! Das Mädel ist arglos wie ein Schneeglöckchen. Wer mich umgarnt hat, das bin ich selbst — mit meinen dummen Einbildungen.
Wir können ja nicht lieben, wir von der „hecheren Bültung.“ Wir können liebeln und tändeln und sündigen und eifersüchtig sein. Aber lieben? Wie Leander die Hero, wie Romeo die Julie! Dafür sind wir viel zu gut erzogen. Oder zu schlecht genährt. Was meinst du, Philosoph? —
Heute am Nachmittag ist der Michelmensch wieder dagewesen. Der Doppelte, dem ich’s zutraue, daß er lieben konnte, seit man sah, wie letzthin sein Haß zum Dach heraus gelodert hat. Er war vor einigen Tagen vom Nachbar so plötzlich mit dem Fuhrwerk geholt worden, samt seinem großen Korbe, daß er gar nicht Zeit hatte, sich im Adamshause zu verabschieden. So kam das alte Einlegerpaar um sich zu bedanken für die „guten Wochen“, die es hier aufgehoben war. Sprecherin war das Weib natürlich, und brachte sie es so treuherzig vor, so dankbar und zart, wie sie beten wollten allbeide, daß die liebe Frau Mutter Gottes ihren Schutzmantel ausbreiten möchte über dieses treue Haus und seine frommen Leute. Und wenn der Michel und die Michelin, was wohl sicher sei, früher von dieser Erden Abschied nehmen müßten, als die Adamshauser, so wollten sie beim Herrgott im lichten Himmel oben schon einen guten Platz belegen für den Vater Adam, für die Mutter Traudel und ihre Kinder alle vier.
Waren das wirklich die zwei Alten, die bei der Anwesenheit des aberwitzigen Roten so wütig aufgezischt hatten? War es purer Wahnsinn gewesen? Oder war diese demütige Dankbarkeit für gebührende Armenpflege nichts als Heuchelei? Ich denke, es sind alte Kinder, die auf einmal störrisch werden können. Oder ist auch im gottinnigen, altweltischen Landvolke ein wilder, revolutionärer Blutstropfen vorhanden?
Sie trippeln, mit ihren Stecken klappernd, schon über die Thürschwelle, als die Alte noch einmal umkehrt zum Feuerherd und die Hausmutter bittet: „Wenn etwan der Hieserl kommen sollt’ und unser nachfragen, gelt Mutter, du weisest ihn. Beim Schlappzopf sind wir jetzt, nächst Wochen beim Gleimer, nachher beim Kulmbock und auf der Sonnseiten weiter.“
Das Licht ihres Alters. Ihr Sohn! — O Freund, was der Glaube macht!
Gute Nacht zu dir, Alfred, in die weite Welt. Heute könntest du ein Kirchenlied von Paul Gerhard auf mir spielen, so weich bin ich gestimmt.