In diesem Hause herrscht ein schöner Brauch, den ich in anderen Bauernhäusern der Gegend bisher nicht beobachtet habe. Am Abende, wenn die Familie auseinander geht, reichen sich Eltern, Kinder und Geschwister die Hand und sagen: „Behüt’ dich Gott über Nacht!“ Sie sagen es so ernst, wie beim Abschied vor einer Gefahr. Das hat mir wieder einmal ins Bewußtsein gebracht, was das heißt: Die Nacht! — „Sie ist keines Menschen Freund!“ Was das heißt: Der Schlaf! „Er ist des Todes Bruder!“ —- Der Mensch legt sich hin wie aufs Bahrbrett und vertraut seinem Herzschlag, daß er den Leib warm erhalten werde. Bald hat alles aufgehört, was sein Leben und sein Streben gewesen. Es ist gerade so gut aus, als ob’s gar nie gewesen wäre. Es ist gerade zu gut aus, als ob’s gar nie mehr anfinge. Und wenn es nicht mehr anfängt, so ist kein Schmerz und keine Klage darüber beim ewig Schlafenden. — Und wenn es wieder anfängt, so ist es, wie eine neue Weltschöpfung ein neues Geborenwerden und ein göttliches Wunder. Alles was dem Einschlummernden lautlos und leidlos unterging, ist wieder da, wie aus dem Erdboden stehen liebe Menschen auf ringsum und sagen einander: Guten Morgen!
Freund Alfred, so sei auch unsere Urständ. Behüt dich Gott, über Nacht!
Dreiundzwanzigster Sonntag
Am dreiundzwanzigsten Sonntag.
Pfingsten, das liebliche Fest ist gekommen! So abgebraucht man dieses Citat finden wird, die schlichte Herrlichkeit desselben habe ich doch erst jetzt empfunden. Wenn ein derber Bauernkerl weinen dürfte, ich würde es mit Vergnügen thun. Wenn Bauernlümmel vor Glückseligkeit flennen vonwegen Blumen, Sonnenschein und Vogelsang — das wäre euch doch genug Gemütsbildung im Volke! Ganz unbeschreiblich, Freund, wie jetzt die Bergwelt schön ist. Wenn das Lüftchen zieht, so schneit es über das Stalldach die Blüten nur so herüber von den Kirschbäumen und die Hochmatten sind weiß bis hin zum Schachenrand vor lauter Margeriten. Ich versinke in Blüten- und Frühlingsleuchten und möchte manchmal aufschreien: Herr, ich bin nicht würdig! — Bezahlen lasse ich mich für diesen Himmel! Der Wette schäme ich mich zu Tode.
Und diesem Mädel ist noch zu wenig Blühen. Im Hausgärtlein hockt sie, auf das eine Knie stützt sie ihre Hand, mit dem andern kniet sie auf dem schwarzen Erdreich. Selber wie ein Rosenstock zieht sie junges Nelkengestämm, hegt silberschimmernden Rosmarin. Den braucht sie für Frohnleichnahm und so hat ihr’s die Mutter aufgetragen. — Jetzt nimmt sie das weiße Tüchlein und trocknet sich den Schweiß. Ist es denn schon so heiß auf der Welt?
An diesem Pfingstsonntag bin ich früh aufgestanden, bin hinausgegangen durch das nasse Gras. Der Löwenzahn und das hohe Gestämme der Glockenblumen haben meine Beine weit herauf mit Thautropfen benetzt. Auf der Kulmplatte, wo vor sieben Wochen das Osterfeuer gebrannt, bin ich gestanden und habe hingeschaut. Dieses urgewaltige Bergland, ich habe es angebetet wie einen Pfingstaltar. Aus unserem Hoisendorfer Thale ragt nichts hervor als der senkrecht aufspringende Rechenstein, aber ein Glockenton klingt zur Höhe, erinnernd, daß dort ein Kirchlein steht für solche, die Gott nur dann erkennen, wenn er klein ist und im Menschenbaue wohnt. Freilich, freilich, man soll ja Gott nicht nach außenhin suchen im unbeschränkten Raum, sondern in der eigenen Brust, und da mag es ja sein, daß die enge Beschränkung in einer Steinmauer eher den Weg ins Innere weist als das freie Himmelszelt. Aber du lieber Gott, mein Inneres ist ja nicht gerade allein dort, wo die Blutmuskel pumpt und das Gehirn arbeitet, mein Inneres ist überall, wohin ich denken kann, ist in allem, was das Ohr hören und das Auge sehen und das Gemüt fassen kann. Alles, wovon ich weiß, alles ist mein Leib, ist mein Wesen.