Als an diesem Morgen mir solche Gedanken kamen, da jauchzte es plötzlich: Mensch, Welt, du bist ja erlöst! Mensch, du bist Weltall geworden! Weltall, du bist Mensch geworden! Du bist eins, du bist ewig und dein Geist heißt Gott! — Und da giebt’s ja kein Leiden mehr, keine Unvollkommenheit, und wen sein Gürtel drückt am Menschenleib, der lege ihn ab und umgürte sich mit dem Sonnenkreis! —
Ich habe es schon wiederholt geahnt, mein lieber Alfred, daß die Stimmung des höchsten Glückes gefährlich werden kann. Heißt das, was man so nennt. An diesem Pfingstmorgen auf der Kulmplatte hatte es mich einen Augenblick lang überkommen: wenn ein Felsabhang da wäre, ich müßte jetzt in den Sonnenkreis fliegen. Aber der Bauernknecht hielt den Allmenschen zurück und sagte: „Was fällt dir denn ein! Soll der Adam mit seiner kranken Brust in der nächsten Woche allein brachen?“
Und da habe ich meinen unendlichen Leib, der mir ohnehin nicht entgehen wird, einstweilen an das Himmelszelt gehangen und ihn noch von außen angesehen, durch die zwei Augen des Hans Trautendorffer.
Hast du schon bemerkt, daß der Tourist, wenn er eine hohe Bergspitze besteigt, unwillkürlich fast immer zuerst nach Westen ausschaut? Ist das der magnetische Sonnenstrich, der die Menschheit stets von Ost nach Westen leitet? In mein Auge fällt zunächst die ferne Felsenkette mit ihren rotglühenden Spitzen. Sie haben schon die aufgehende Sonne. Nach der entgegengesetzten Richtung hin breitet sich das weite, silberne Meer. Der Golf von Fiume, du kennst ihn. Verstehst du mich denn nicht? Lachend erschrecken würdest du über die Ähnlichkeit des weißen Nebelbeckens im Niedergai mit dem genannten Meerbusen. Und auf den lichten Wassern des Quarnero gleitet ein Schiff dahin, das ist ein Habicht, der über der weißen Nebelschicht schwebt. Und jetzt geht dort, wo das Meer im Unendlichen ruht, die Sonne auf. Die schreckliche, die blutige, die ungeheure Sonne! Ganz glanzlos, eine glührote Scheibe, nach einem Rande hin dunkler, als hätte diese Kugel eine Schattenseite. Ist denn das dieselbe, die nach wenigen Stunden wie ein funkelnder Stern am hohen Himmel steht, jedes Auge blendend mit vernichtendem Blitz! — Nun hebt sie sich empor, ganz sachte. Kein Spiegeln im Nebelmeer, nur die Berge werfen hinein ihre Schatten, deren Ränder in Regenbogenfarben schillern. Und die Sonne lodert gewaltiger und nimmt in plansicherer Unbändigkeit ihren Schwung durch den ewigen Himmel.
Die armen Städter! Sie schlafen jetzt, dieselben Menschen, die vierzehn Stunden später sich mit klingenden Münzen in die dunstige Bude drängen, um einen Theatersonnenaufgang zu sehen.
Vierundzwanzigster Sonntag
Am vierundzwanzigsten Sonntage.