„Du bist kindisch, Rocherl,“ sprach sie voller Zärtlichkeit. „Von jedem andern, schau, so was mußt du nimmer sagen. Man kann ja nur Einen gern haben.“

„Warum hast du mich nimmer gern!“ schrie er auf.

„Aber Närrlein! Du bist ja mein lieber Bruder!“

Er packte sie um den Nacken, küßte sie heftig auf die Wange und taumelte zur Thür hinaus.

Am selben Abende hörte ich ihn vor sich hinmurmeln:

„Es wird sein müssen! Es wird sein müssen.“

Mir fällt’s auf, schon seit einiger Zeit. Der Rocherl wird von Woche zu Woche blässer und bekommt einen so sonderbaren Blick. Ich weiß nicht, mir ist er unangenehm, dieser Blick. Früher war er nicht. So etwas Springendes, wie ein Funken, den der Wind jagt. Ob dem nicht etwa die Nägel der linken Hand blühen? Keinesfalls schlägt ihm seine unstäte Stimmung so gut an, wie der Barbel ihre stille Ernsthaftigkeit. So schweigen die Lilien und blühen. —

Mir geht’s — um einmal landläufig briefzuschreiben — Gott sei Dank, auch so weit gut. Die Arbeiten sind nicht schwer um diese Zeit. Der Anbau ist vorüber, die Wiesen sind bewässert und gereinigt. Lässig wird im Wald herumgethan, um Brennholz zu machen aus dem Gefälle und dürrem Astwerk, das der Sturm niedergeworfen hat. Man kliebt das Holz zu Scheiten, stößet es auf, um es gelegentlich mit einer Schlarpfen in den Hof hinabzuschleifen. Dann die Vorbereitung für die Erntezeit, die Sensen werden gedängelt, die Rechen gezähnt, die Heugabeln geschaftet, die Sicheln beheftet, die Körbe bebändert, die Karren berädert. Man ackert den Krautgarten, macht dann mit der Eisenstange Löcher in die gelockerte Scholle, gießt Jauche auf und setzt die zarten Kohlpflänzchen ein. Zum Hüter dieser wichtigen Pflanzung wird der Hasenschrecker aufgestellt. Na, da hat es sich wieder einmal gezeigt, was so ein zugereister Knecht kann. Mit einer alten Linnenhose vom Rocherl, einer zerfaserten Joppe und einem löcherigen Hut vom Hausvater hat er einen Strohbund bekleidet, denselben mit einem hölzernen Rückgrat versehen und mitten auf den Krautgarten gestellt. Es ist eine wahre Charaktergestalt und zwar von der Gattung, die hier herum öffentliche Meinung macht. Die Arme breitet der Kerl weit aus und wird die Beständigkeit, mit der er das thut, durch eine Querstange hergestellt. An den Händen hat er lose hängende Brettchen, die beim Luftzug aneinander klappern, so daß die Hasen etwas meinen sollen. Die älteren, nämlich solche, die keine heurigen Hasen mehr sind, lassen sich nicht so leicht dupieren. Sie lassen den harmlosen Herrn mit seinem martialischen Aussehen und seinem Strohkopf stehen und klappern, und fressen ruhig die Kohlpflanzen ab, ihre Lieblingsspeise selbst im Sommer, wo ihnen doch allüberall Freitisch gedeckt wäre. Die unerfahrenen Häslein aber, jene mit den Hasenfüßen, haben vor dem Herrn Polizeirat auf der Stange einen heillosen Respekt und wagen sich nicht an den Krautgarten.

Weil der Mensch in den holden Frühsommernächten nicht immer schlafen mag, so habe ich mich selbst dem Hasenverscheuchamte zur Verfügung gestellt. Neben dem Krautgarten steht ein Kirschbaum, darunter sitze ich auf der Bank und genieße die Nacht. Am vorigen Freitag sitze ich dort wieder. Es ist warm, fast schwül, der Himmel umzogen. Drin über dem Hochgebirge Wetterleuchten. Im Hause schläft alles voll tiefer Ruh. Auch die Kuhschellen im Stall melden sich nicht mehr. Kein Glanzkäferchen unten, kein Käferchen oben. Nur Wetterleuchten in allen vier Weltgegenden. Es ist fast, daß einem bange werden könnte. Ich wandle langsam am Rain gegen den Schachen hin und horche, ob kein Murren zu hören ist aus der Ferne. Nichts. Schweres Schweigen. Ich gehe wieder dem Hause zu und denke: Menschenherz, halte Frieden. — Und wie ich um die Ecke biege, steht einer vor ihrem Fenster. Das Fenster ist offen. Drinnen thut jemand schluchzen, sehr tief, sehr heftig. Der vor dem Fenster spricht etwas hinein, ich kann’s nicht verstehen. Beruhigen will er, so kommt es mir vor, so gütig spricht er hinein. Und ist’s der Schullehrer.