Dann habe ich begonnen, meine Sachen zusammenzusuchen und in ein Bündel zu thun und bei mir gedacht: So muß es enden! Und als das Bündel fertig war und ich an der Thür stand, hinausschauend in die sternhelle Nacht — da kam er über den Hof gegangen. Einige Schritte vor der Thür blieb er stehen und fragte leise: „Bist noch da?“ Dann trat er ganz an mich her, hielt mir die Hand entgegen: „Hansel, verzeih’ mir. Ich weiß es jetzt schon. — — Bleib’ da bei uns — bleib’ da!“ Und fiel mir an die Brust und weinte so wild, so schwer, daß ich hätte vergehen mögen vor lauter Erbarmen.

Das, mein Alfred, habe ich dir noch schreiben müssen in dieser Sommernacht.

Siebenundzwanzigster Sonntag

Am siebenundzwanzigsten Sonntage.

Es ist doch eine Freude, jetzt! Die Haferfelder grünen frisch auf und lachen uns schon Dank zu. Das Korn steht hoch, viele Halme höher, wie ein Mensch. Wenn man auf dem engen Fußsteig durch das Kornfeld dahingeht, so streicheln einem wiegende Ähren die Wangen und ihre zarten Blüten bleiben hängen im Haar und ihr Duft weht in die Seele einen süßen Rausch. Wie ein bläulicher See wallt die Fläche, wenn die Luft streicht. Zwischen dem Gehalme leuchtet dort und da der glühende Mohn hervor, oder das feurige Blau der Kornblume, Schönheiten, die aber meinem Adam nicht recht gefallen wollen, weil sie „Unkraut“ sind. Überall wirbelt Gesang der Lerchen, und man sieht keine; in den Halmen zirpt es, im hohen Himmel klingt es. Was ist alle gemachte Poesie in einer großen Stadt gegen die Schönheit eines Kornfeldes!

Vor ein paar Tagen haben wir stundenlang gezittert. Im Hochgebirge stand ein Gewitter. Zuerst waren die weißen Nebelstreifen niedergeflossen in die Schründe und Schluchten, sachte sank das schwere Gewölk ins Hochthal herein und in den Lüften war ein Rauschen, als rieben sich in ungeheueren Säcken gedörrte Nüsse. Auf dem Rechenstein haben sie geschossen. So dunkel war es geworden in der Stube, daß die Wetterkerze, die mein Hausvater angezündet hatte, ihren roten Schein an die Wand warf, wie in der Nacht. Bei allen drohenden Gefahren muß die Weihekerze brennen, leise betend schauen wir in die geheimnisvolle Flamme. Draußen, über dem Dache steigen die Rauchwölkchen der Palmsonntagszweige auf, die in der Herdglut glosen. Die lastende Luft schlägt ihren prickelnden Geruch nieder auf den Erdboden.

Unter dem Ahorn stand die Barbel und schwang fortwährend in der Hand ein Kruzifix gegen das stetig heranrollende Gewitter. Dabei sprach sie halblaut den Wettersegen: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtete in der Finsternis. — Und das Wort ist Fleisch geworden.“

Ich stand unweit von ihr und schaute hin, wie sie in einer Art von Verzückung die Worte des Johannesevangeliums sprach. Ihr weißes Gesicht vor dem bleiernen Hintergrunde leuchtete magisch. Wie eine Seherin stand sie da. Endlich trat ich hin zu ihr: „Barbel, du sollst jetzt ins Haus gehen. Siehe, in den Ästen rauscht der Wind. In wenigen Augenblicken ist es da. Du sollst ins Haus gehen!“