Da sagte sie zu mir: „Laß’ mich, Hansel. Hier ist es schön.“
Die Nebelmassen wälzten sich thalwärts, so daß wir fast über ihnen waren. Plötzlich sprang aus ihnen ein Blitz auf, so grell, daß man ihn im Auge wie einen heftigen Schlag empfand.
Als der Donner ausgeschmettert hatte, hörte ich die Barbel traumhaft sagen: „Hier ist es so schön! — Herrgott, nimm mich jetzt — Das Wort ist Fleisch geworden ....“
„So komm doch, Barbel!“
Mit gehobenen Armen stand sie da und schaute halb schreckhaft und halb schwärmerisch ins Geäste des Ahorns auf: „Hörst du, wie sie wispeln? — Die kleinen Kinder! Siehst du sie? Dort schaukeln sie in den Zweigen, siehst du sie? Und hocken und schaukeln und tanzen!“
„Kleine Kinder? Wo?“
„Da oben im Ahornbaum. Und schaukeln und wispeln. Die vor der Taufe gestorbenen Kinder! Die kleinen armen Seelen! — Im Särgelein liegen die Knospen. Die Seelen müssen auf dem Ahorn warten, bis das Christkind kommt in der heiligen Nacht. — Herr Jesu Christe — gnadenreich, — und führt sie ein — ins Himmelreich ....“
Jetzt brachen die Wässer aus den Lüften, ich zog die Barbel am Arm mit ins Haus. Sie strich sich mit krampfigen Fingern das lose Haar vom Gesicht und starrte betroffen umher, als wäre sie aus einem Traum erwacht. —
Als das Gewitter vorüber war, funkelten die Bäume wie Glasluster in der untergehenden Sonne. An jedem Halm wiegte sich ein Lichtlein. Draußen aber, in den Thälern des Vordergaies, lag ein weißer Winter. —
Und jetzt, denke dir, hört man die Mär, daß die Bewohner des vorderen Gaies klagbar auftreten wollen gegen den hinteren Gai. Im Hintergai sei nämlich geschossen worden, während man sich doch seit Jahren gegenseitig verabredet habe, es dürfe weder vorne noch hinten geschossen werden, wenn ein Gewitter zusteht. Denn das Wetterschießen mit Pöllern sei erstens ein Eingriff in den Willen Gottes, der sich es nicht gebieten lassen werde, wo gehagelt werden soll und wo nicht. Zweitens wäre es eine Lumperei gegen die nachbarlichen Ortschaften, wo nicht geschossen werde, und wo das verjagte Gewitter sich entladen müßte. Und drittens sei es überhaupt eine Dummheit zu glauben, daß durch den Knall etlicher Mörser der Himmel sich werde schrecken lassen, maßen ein Hochgewitter sein eigenes Feuern und Krachen hat und trotzdem manchmal Eis wirft, was das Zeug hält. Wie das auch sei, hinten wäre jetzt geschossen worden und vorne sei der Teufel los. — Der Kulmbock aber sagt: „Sollen nur kläglich werden, die da draußen! Werden’s ihnen schon zeigen! Die sollen sich anschauen, wenn ich drüber komm! Schuhnägel friß ich nit!“ — Das Wetterschießen wird also in den Landtag kommen. Der Gleimer behauptet, daß es in der Hoisendorfer Gegend am Frohnleichnamstag seit Menschengedenken nicht grob gewettert hätte. Sicherlich des Frohnleichnamsschießens wegen. Du kannst einmal einen Naturforscher fragen.