Achtundzwanzigster Sonntag

Am achtundzwanzigsten Sonntage.

Immer reizt es mich, lieber Freund, dir meine Erfahrungen über das Leben der Haustiere zu schildern. Über das leibliche und — höre es! — auch über das seelische Leben der Rinder, Schafe, Schweine, Hunde und Hühner! Wollen aber diese Darstellungen doch auf eine günstigere Zeit aufheben, wenn die „Vieher“ nicht unmittelbar über die Achseln aufs Blatt schauen. Wir verfassen dann ein Werk darüber. „Das Seelenleben der Haustiere.“ Ich gebe die Empirik, du das System und die Philosophie. Als Motto sage ich dir heute schon: Die Ochsen und Kühe sind auch Menschen, nur solche mit vier Füßen. Ihre Freuden und Leiden merkt man ihnen leicht an, ihre Liebe und ihren Haß bekommt man manchmal zu spüren. Ihr Glauben und ihr Zweifeln beeinflußt ihr Wollen so gut, wie bei uns. In ihren Träumen haben sie ein zweites Leben wie wir. Von ihren Gedanken würden unsere Philosophen sehr vieles lernen, wenn sie einstweilen so klug wären, ihre Sprache zu verstehen.

Es ist durchaus verständlich, daß diese Tiere im Bauernhofe wie traute Hausgenossen behandelt und geachtet werden. Wie Lebensgenossen geliebt, wenn du willst! Nicht allein, daß sie eine Sprache für sich haben, verstehen sie auch die menschliche, so weit sie sie angeht. Du mußt einmal ein Rinderfuhrwerk gesehen haben, auf der Straße oder am Pflug, du mußt einmal ein Kuhmelken beobachtet haben, oder das Herdelocken eines Hirten — und du wirst dir gewiß schon gesagt haben: da ist mehr dahinter, als unsere alten Gelehrten wahrhaben wollen. Mein Adam ist nicht der Gesprächigsten einer, doch wenn er mit seinen Haustieren zu thun hat, da geht ihm Herz und Mund auf. Denen Herrschaften erzählt er ganze Geschichten aus seinem Leben, die allerdings so harmlos sind, daß sie in jedes Familienjournal für Kälber und Schafe Aufnahme finden könnten. Er macht auch Späße, bei denen die Ochsen nicht gerade offen lachen, immerhin aber ein ganz munteres Geschau bekommen. „Geh, sei so gut, Falber,“ sagte er vor ein paar Tagen bei einem Fuhrwerk zum Rinde, „laß mir meine Joppen ein bissel an’s Hörndel hängen!“ Denn es war heiß und der Ochse trug gehobenen Hauptes den Rock fast feierlich heran und schmunzelte ein wenig dabei. Am liebsten hören sie es natürlich, wenn er sie zum Heu lockt, oder zum Salz, wovon jedes jeden Tag ein Stücklein aus seiner Hand in die Schnauze bekommt. Aber sie achten es auch, wenn er sie am Pfluge leitet, und wissen, daß sein Hi — vorwärtsgehen und sein Hota — stehenbleiben bedeutet. Wenn er ihnen auf der Weide strenge zuruft, nicht ins Haferfeld zu gehen, nicht vom Kleeacker zu naschen, so gehorchen sie zumeist gutwillig. Doch giebt es sehr unterschiedliche Ochsencharaktere. Da haben wir einen grauen Recken mit breitem, kurzem Kopf und schwarzer Schnauze, die immer tropfig ist. Der läßt sich alles ruhig gefallen, das schlechte Gras und die Gertenhiebe, der regt sich nie auf, strengt sich nie an, läßt am Karren den Kameraden anziehen und schreitet würdevoll nebenher. Der läßt sich den verbotenen Klee auf der Wiese mit demselben ruhigen Gewissen schmecken, wie das Heu aus dem Troge. Einen Falben haben wir, der ist der Fleiß und die Treue selber. Er zieht an der Egge oder am Karren immer scharf drein, ohne daß die Gerte seinetwegen zu pfeifen braucht. Er kann einen halben Tag lang am Raine grasen neben dem Kohlgarten, ohne daß er sein klobiges Haupt nach dem süßen Kraut wendet, weil er aus mancherlei Erfahrungen weiß, daß es der Adam nicht leiden mag. Da haben wir einen schwarzen Stier mit dicken, kurzen Hörnern und einem schrecklich wuchtigen Hautlappen am Halse, der bei jedem Tritte schwer hin- und herschlägt. Das ist ein händelsüchtiger Geselle, wählerisch im Futter und zur Arbeit überhaupt nicht zu brauchen. So oft ihm ein Geschlechtsgenosse in die Nähe kommt, brüllt er auf, sucht ihm mit dem Horn einen Schurf oder mit dem Hinterfuß einen Schlag zu versetzen. Gegen Kühe und Kalben ist er sehr zuvorkommend und streichelt sie verführerisch mit seiner rauhen Zunge am Kopf, am Hals, an den Hüften, bis sie ihm verfallen sind. Er ist sich seines Berufes für den Gai bewußt und läßt sich durchaus weder von einer Rute noch von einer Zaunplanke Gesetze geben. Nur meine Gerte hat ein Pfeifen, nach dem er manchmal tanzen muß. Im nächsten Herbste, meint der Rocherl, wird dem Schwarzen etwas passieren, wonach sein Haar bald ergrauen dürfte und sachte weiß werden, wie bei einem Ochsen. Unterricht? Diesmal erteile ich dir ihn nicht. Du kannst den Kulmbock einmal danach fragen. Der besorgte früher das Geschäft für die ganze Gegend. Jetzt, weil er einer ist, „der keine Schuhnägel frißt“, fürchten wir, wird er Geschichten machen und in so untergeordneten Sachen nicht mehr gemeinnützig sein wollen.

Seit jener Nacht, als der Hasenschrecker herabgestiegen war zum Fenster der Barbel, haben wir einen zottigen Haushund. Der abgewirtschaftete Nans, der weit fort in eine Fabrik gehen will, hat das Tier dem Adamshause vermacht. Eine Woche lag es an der Kette, dann war es angewohnt und konnte freigelassen werden. Bismarck heißt der Pudel. Der Nans hatte nämlich als Soldat den Germanenherzog einmal hoch zu Roß gesehen und aus Bewunderung für ihn den Hund also getauft. Der Pudel sucht seinem großen Namensvetter Ehre zu machen durch Klugheit, Schneidigkeit und Wachsamkeit. Landstreicher haben die größten Unannehmlichkeiten mit ihm, bevor sie von der Hausmutter ihr Almosenbrot ergattern. Dann legt sich der Bismarck, indem er sich etliche Male im Kreise dreht, aufs Stroh im Vorhause, bettet seinen Kopf mit den breiten Ohrlappen auf die Vorderpfoten und macht die Augen zu. Wie ein Maurer schnarcht er manchmal. Sobald aber draußen von irgend einer Seite dem Hause auf hundert Schritte etwas Fremdes naht, fährt er bellend auf, zottet hinaus und prüft die herankommende Wesenheit, ob sie verdächtig ist oder nicht. Der alten Marenzel war er einmal auf den Korb gesprungen; sie, einer Ohnmacht nahe, hatte schon geglaubt, ihr armes Dachsel wäre vernichtet — aber vom Bismarck war das nur Spaß gewesen und wedelte er vergnüglich mit der Schwanzfahne; als ihm die Alte dankbar für die Verschonung ein Stückchen Speck zuwarf, ließ er es liegen. Wenn der Hund mit seiner zarten Zunge dem Rocherl manchmal die schmerzende Hand leckt, da muß man sein Auge beobachten. Die funkelnden Wolfslichter werden zu milden, treuen Menschenaugen, die voller Mitleid zum armen Burschen aufschauen. Und so, Alfred, wollest auch du unserem neuen Hausgenossen deine Freundschaft schenken.

Das Adamshaus hat ein Teilrecht an den Almweiden des Scharecks. So haben wir vor einiger Zeit zwei paar Ochsen und die Kalbinnen hinaufgetrieben. Die eine Kalbin ist der Liebling des Mädels, und da hat’s einen Abschied gegeben. Hinter dem Futterbarren der Knecht versteckt mit der Streugabel — das war wieder so etwas für ihn. Zuerst streichelt sie dem jungen Rind lange den Backen, dann kraut sie ihm den Kopf zwischen den kaum noch hervorguckenden Hörnern und dann flicht sie ihm mit Tannenzweigen einen Kranz aufs Haupt. Und endlich hebt sie an, mit der Kalbin zu plaudern — halblaut, vertraulich: „Im vorigen Jahr, mein du! Weißt du noch? Sind wir zwei miteinander gegangen auf die Alm. Jede mit einem Kranzel auf dem Kopf. Seither hat sich was verändert, mein du! Verwundern wirst dich, wenn du wieder heimkommst, im Herbst.“

Die Kalbin macht großmächtige Augen: Verwundern! Wieso?

„Weiß nit, wie ich dran bin,“ flüstert das Mädel weiter und hat ein ganz anderes Gesicht als sonst, alle Mienen zucken. „Weiß nit, ist’s zum Verzweifeln oder zum Juchezen.“ Ihren Arm legt sie um den Hals des Tieres, ihre Wange drückt sie an seinen Kopf. „Was Lebigs wachst!...“

Die Kalbin dreht ihren großen pechschwarzen Augapfel dem Mädel zu. Sie versteht nicht ganz.