„Schämen thu ich mich neun Klafter tief in die Erden hinein,“ fährt die Barbel fort.

Die Kalbin gleichmütig: Das hilft alles nichts, das muß ertragen sein.

„Mein größtes Anliegen sind Vater und Mutter.“

Die Kalbin: Denen wird’s auch nichts Neues sein.

„Und immer einmal ist mir so gut — so glückselig!“

Die Kalbin: Natürlich, wenn Eins zwei Herzen hat!

„Wenn ich nur den Guidel so kunnt halsen, wie dich!“

Leidenschaftlich kost sie das Tier und ihr aufgelöstes Haar kräuselt sich um seinen Kopf. — Dann sinnt sie still für sich hin, dann murmelt sie ein Gebet, an dem ich nur die letzten Worte verstand: „— der ist mein Verderben, sonst kunnt ich als reine Jungfrau sterben...“

Mir war ganz traumhaft, ganz taumelig, ganz rauschig, und mußte mir noch sagen: Unverschämter Kerl. Aber hatte ich denn davon können hinter dem Barren? Es wird mich lange brennen.

Dann sind wir auf die Alm gezogen, der Rocherl und ich, mit den Rindern. Schwer bepackt mit Lebensmitteln, Gewand, Bettzeug und Vieharzeneien. Die Kalbin kam mir ganz heilig vor. Die Vertraute. Aber zum Rocherl habe ich nichts gesagt. Der war schier leblustig, begann einmal zu jodeln — brach aber mitten im hellsten Klange ab. — Der Weg über die Hochmatten hin stieg sachte an, von einer Kuppe zur andern. Die Höhen sind fein glatt, die Ausblicke so weit, daß ich fürchte, es könnten sich Touristen züchten im Almgai. Glücklicherweise ist nichts zum Klettern da. Das Schareck ist wohl ein ruppiger Felskegel, mit Knieholz bewachsen, hat aber, wie mir der Lehrer sagt, im roten Buch keinen Stern und du weißt, daß nur solche was gelten, die einen Orden tragen. Vorläufig wären wir also sicher. Von den Almen geht’s nach drei Seiten tief niederwärts in die bewaldeten Thäler, an deren Bächen die langgestreckten grünen Wiesen liegen. Weit draußen an den Lehnen die Bauerngründe. Dort steht auch der senkrecht aufspringende Rechenstein, an dessen Fuße das weiße Kirchlein von Hoisendorf schimmert. Bergrücken, die einen ätherigen Schleier haben, verdecken den Vordergai. Unsere Almhütten liegen nach den Messungen des Lehrers über siebzehnhundert Meter hoch. Es stehen noch ein paar Fichtengruppen dort, die aber ihre zerzausten Äste alle nach einer Seite hin wachsen lassen, im Sturm erstarrte Windfahnen. Die Hütten stehen unter dem Scharek in einem kleinen Kessel, auf dessen Weiden graue Steinblöcke liegen. In dem mit Stangen eingefriedeten Pfränger, dem Tummelplatz des Viehes, wächst üppiger Sauerampfer. Die kleinen Hütten selbst sind ganz musikalisch, so pfeift durch die Fugen ihrer Zimmerung der Wind in allen Tonarten. Ihr steiles Bretterdach scheint wohl die Absicht zu haben, Herd und Bettstatt vor Regen zu schützen, erreicht diese Absicht aber nur bei schönem Wetter. Die Gleichgültigkeit dieser Älpler gegen Regen und Sturm ist fast gottlos. Scheint die Sonne, so schafft man in bloßen Hemdärmeln, regnet oder schneit es, so werfen sie sich den Wettermantel über den Leib, einen Lodenfleck, der mitten das Loch hat, um den Kopf durchzustecken. Selbst im Juliregen sind Schneeflocken nichts seltenes, kein Mensch spricht davon.