Die häuslichen Arbeiten besorgt das Mädel. Der Rocherl hat seinen Almdienst dem Gemeindehalter übergeben und weidet die Schafe am Rain. Dabei flucht er wieder etwelches über den Jäger Konrad, der ihn unfähig gemacht hat zu jeder starken Arbeit. „Der Vater mit seiner kranken Brust muß mähen und ich muß müßiger Schäfer sein!“ klagte er mir. Könnte der junge heißblütige Mensch so arbeiten, als wir anderen, er würde sich nicht verlieren, die Kraft würde sich nicht umsetzen in ein dämonisches Seelenleben, vor dem mir manchmal so bange ist.
Freilich muß der Adam oftmals aussetzen mit der Sense, um sich verschnaufen zu können. Die Mutter hat immer das Hexenkraut mit, aber bisher ist es auf der Wiese nicht nötig gewesen. — Steht die Sonne hoch, dann hängen wir die Sensen in den Schatten eines Strauches, nehmen Gabel und Rechen, krauen die flachgestreuten Futterschichten um, so daß sie über und über trocknen, und am nächsten oder übernächsten Tage zu Haufen oder Schöbern gespeichert werden können. Vom Wetter getrauten wir uns nicht ein Wort zu sprechen vor lauter Frohsein, daß es so schön war. Wir könnten es verschreien. Nur einmal sagte der Adam fast beklommen vor Freude, ein so gutes Heu, wie dieses Jahr, hätte er schon lange nicht mehr bekommen. Dieser Duft! Köstlich wie der Geruch des feinsten chinesischen Thees. Die Leute wissen nicht, weshalb es beim Heuen so heiter hergeht, es ist der Rausch der Düfte, die aus welkenden Kelchen steigen. Über Nacken und Antlitz rieselt prickelnd der Schweiß, immer und immer bestätigend jenen uralten Fluch oder Segen: Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dir dein Brot verdienen! — Das heißt einmal Wort halten, du heiliger Herrgott! — Hingegen muß ich sagen, daß meine alten Kopfschmerzen, die mich sonst in der heißen Jahreszeit gequält haben, bisher hier ausgeblieben sind.
Am Donnerstage abends war’s, als ich über den Hof gegen meine Schlafkammer schritt, daß von Barbels Stube her die scharfe Stimme der Hausmutter erscholl. Sie steigerte sich bis zur höchsten Heftigkeit. Dann hub sie an, laut zu gröhlen. Das Mädel habe ich gar nicht gehört. Als wäre es froh, daß der gefürchtetste Sturm vorüber, herzte es am nächsten Morgen das schwarze Lamm und sprach: „Du bist ja mein! Du bist ja mein! Du bist ja mein!“ Das Tier leckte an ihrem roten Mund. Da lachte sie, und lachte so klingend, daß das Lamm emporfuhr und sie erschrocken ansah.
Und am Samstag war’s, als der Hausvater, der Rocherl und ich auf einem Heuhaufen saßen und „Halberabend“ hielten, das heißt, das Nachmittagsbrot einnehmen. Es bestand aus Buttermilch und Topfen, in einem Brei vereint, eine der wenigen Speisen, die mir trotz aller guten Zucht gar nicht in den Schlund wollen. So legte der Adam mir den Brotlaib vor: „Heiz ein, Hansel! Hast brav angezogen, die Wochen. Jetzt lassen wir’s gut sein, für heut. Eine Freud’ ist’s, so ein Heu! Eine Freud’ ist’s!“
Dann gingen wir, unsere Gabeln und Rechen auf der Achsel, langsam in den lieblichen Feierabend so dahin, die Sonne stand noch über den Bergen. Sagte der Adam plötzlich: „Und daß mir der Stein vom Herzen ist, Gott Lob und Dank, daß er mir vom Herzen ist! — Gestern hat sie ja gelacht wie ein lustiges Vogerl in den Lüften!“
Da habe ich gesagt: „Wer sollte denn nicht lustig sein, wenn es so schönes Heu giebt!“
Er blickte mich rasch an und wieder weg. — Wenn’s ein so schönes Heu giebt? Ist denn das Mädel ein Heu? — „Bleichsüchtig wird sie sein, oder was Teuxel. Und blutarm, daß sie sich so stark anlegt im Sommer. Mein Gott, alles eins, Kranksein oder Betrübtsein. Nur brav bleiben! — Gott Lob und Dank, daß sie wieder lachen thut!“
Die Spatzen pfeifen es auf dem Dache. Die paar Schwalben, die noch um unsere Giebel kreisen, wissen auch was. „Hörst sie?“ hat mich der Rocherl gefragt. „Hörst, was sie singen?“ Und zwitscherte — der Vogelsprache kund: „Der Schulmeister ist ein Erzspitzbub’, ein Erzspitzbub’, bringt Dirnlein in die Schand’, in die Schand’, und laßt sie sitzen!“
„Dumme Ludern, diese Vögel!“ sage ich.