Zweiunddreißigster Sonntag
Am zweiunddreißigsten Sonntage.
In der Zeitung steht wieder einmal von einem Millionär zu lesen, der sich aus Überdruß das Leben genommen hat. Ein junger, bildschöner Mensch, wie es heißt, der Liebling der Gesellschaft. Im Adamshaus, wenn er gelebt hätte, wäre ihm der Überfluß und der Überdruß kaum passiert. Es schweben mancherlei Dämone auch um die Giebel des Bauernhofes, ganz abscheuliche Gespenster darunter, die den Schwächling ins Grab hetzen, oder ins Zuchthaus. Aber der Dämon Langweile ist hier nicht daheim. Die Arbeit wird von der Ermüdung abgelöst, die Ermüdung von der Sorge und die Sorge wieder von der Arbeit. Im Schutze dieser Genien ist der Mensch sicher vor Blasiertheit. Und wenn sie sich einmal heranschleichen sollte, die stinkträge, blutsaugende Bestie! Beim Gleimer in Hoisendorf ist ein alter Knecht, dem die Arbeit schon alle Glieder krumm gebogen hat wie Äste eines Weichselstrauches. Der kann es nicht leiden, wenn im Kalender nebeneinander zwei Feiertage stehen. Denn am zweiten wird ihm langweilig und er geht aufs Feld, Rasen umzustechen. Das verwies ihm der Kurat einmal, und der Knecht antwortete: „Küß die Hand, Würden Herr Pfarrer! Wenn ich nit darf arbeiten, nachher geh’ ich Leut’ ausrauben. Was zu thun muß der Mensch haben!“
Auffallend ist es auch, daß Bauernburschen von der schweren körperlichen Wochenarbeit am Sonntage sich eben wieder durch körperliche Übungen erholen, als Kegeln, Rangeln, Schleudern und andere Spiele, die den Muskel spannen. Hast du, Philosoph, dich einmal vom Studieren durch Studieren erholt? — Oder darf man sagen, daß die körperliche Arbeit naturgemäßer ist, als die geistige? Daß sie den Menschen lange nicht so schnell aufbraucht? Oder ist es der Erdhauch, der immer wieder frisch und stark macht? — Manchmal wundere ich mich sogar darüber, daß aus den zehn Geboten nicht zwölf geworden sind. Eilftens, du sollst nicht faul sein, zwölftens, du sollst nicht denken. —
Und daß diese Briefe eines Bauernknechtes geschrieben werden? Schiebe es nicht der Langweile zu, wenn dein Hans an Sonntagen philosophische Anwandlungen hat. Gedenke seiner niedrigen Herkunft und daß langwierige Schulbänke nie mehr ganz gutzumachen sind. — Es kommt ja schon wieder Erdreich.
Am Mittwoch, während — wie ich lese — bei euch draußen überall das wilde Hochwasser war, daß die Berglehnen ins Bad sprangen und die Eisenbahnzüge mitten auf Seen stehen blieben, haben wir die Sicheln gedängelt. Die Haferfelder sind zwar noch wiesengrün, nur sonnseitig färben sich die vielschnabeligen Rispen gelblich. Der Roggen steht dicht, hoch, üppig und eine Ähre legt sich schwer und tragemüde auf die Achsel der andern. Goldene Ähren! sagt der Dichter. Ich weiß auch wahrlich nichts, das so in gesättigtem Goldglanz strahlte, als die reife Kornähre. Zwei Berglehnen leuchten auf dem Adamshauser Grunde und auch die Felder der Nachbaren leuchten, so daß ein heller Wiederschein Berg und Thal verklärt.
„So schön,“ sagt mein Adam in seiner demütigen Freude, „so schön ist die liebe Feldfrucht seit vielen Jahren nicht mehr gestanden, als in diesem Sommer.“
Fünfzig Schöber, das sind dreitausend Garben, gedenkt der Adam zu ernten. Und mir verdirbt es die Freude. Denn das, was hier unserer Sichel wartet, gehört ja nicht mehr uns allein. — Wer denkt an das? Zum Angreifen ist’s jetzt.
Also am Donnerstage haben wir uns an den goldigen Feldrand gestellt mit klingender Sichel. Der Hausvater schärft mit dem Wetzstein, den er aus dem Kumpfe nimmt, das mondkipfelförmige Messer, es funkelt aber wie die Sonne. Dann sagt er: „In Gottesnamen!“ bückt sich, schlägt ins Korn und schneidet die erste Garbe heraus. Hinter ihm habe ich mich angestellt. Aber froh war ich, Freund, daß die Herren von der „Kontinentalen“ mich nicht an diesem Tage mit ihrem Besuche beehrt haben. Sie hätten ob ihres Kollegen der Schande viel erlebt. Es ist schwerer, auf dem Felde eine stilvolle Korngarbe fertig zu bringen, als einen Zeitungartikel über Einfuhr ungarischen Getreides. Mir wollten beim Schneiden und Binden die Halme nicht einig werden. Während der Adam Garben hieb, glatt und gleich, wie Strohdachschaube, stand bei mir der eine Halm da hinweg, der andere dort hinaus, der eine zog sich hier zu weit zurück, dort zu weit hervor und als die Garbe mit schlecht gewundenem Halmbande geraidelt war, lag sie da wie eine schlampige, ungekämmte Weibsperson. Und erst die Stoppeln! Hier standen sie borstig halbfußhoch auf, dort war vom Rasen ein Stück weggehackt, so daß auf der Sichel die frische Erde klebte. Wie man die Halme glatt wurzab haut, wie man aus zwei dünnen Halmbüscheln mit einer einzigen flinken Handbewegung ein Garbenband dreht, das lernt man auf keiner Akademie, das lernt mancher erst auf der Hochschule des Lebens in den letzten Semestern. Das Ernten ist eine Wissenschaft und eine Kunst für sich. Wie viel „Vortel“ es dabei giebt, wie viele Abarten der Thätigkeit, wie viele technische Bezeichnungen! — Der kleine Franzel, der jetzt Schulferien hat, thut auch tapfer mit, ich bewundere, beneide ihn, seine Hand macht’s ganz von selber, was ich mit aller Spitzfindigkeit nicht fertig bringe, er hat’s ordentlich schon im Blut, das „Wetzen“, das „Abmaißen“, das „Ausziehen“, das „Wellenmachen“, das „Bandelwinden“, das „Raideln“, das „Ausschlachten“, das „Aufdeckeln“. — „Was ihr euch mit Witz und Verstand nicht erwerbt, das hat er von seiner Frau Mutter geerbt.“ — Und wo Mutter Natur ihn etwa einmal im Stiche läßt, da hilft die Hausmutter nach, die knapp hinter ihm drein ist und es scharf verweist, wenn er von der Garbe einen Halm verstreut oder eine Ähre geknickt hat. Dem Knaben sagt sie’s, mich meint sie — und hat wohl alle Ursache, mich zu meinen. „Der große starke Bengel ist gerade der Allerungeschickteste!“ Mit den Fingern wollte ich ihr dieses Wort von der Zunge nehmen, denn dort liegt es zum Greifen.