Auf allen vier Feldern steht kein Halm. Alles tief in den Erdboden geschlagen und zugedeckt mit Eis. Die Deckeln, die wir am Vorabende noch mit solchem Hochgefühle gebaut hatten, liegen da wie gekochte Strohhäuflein. Und als gegen Mittag stellenweise das Eis schmilzt, sieht der Boden aus, wie frisch geackert. Die Grasweiden sind kahl gedroschen. Der Kohlgarten ist mit Krautblättern so dicht und glatt gepflastert, daß man darauf tanzen könnte, wenn die kahlen Stengel nicht ihre zerfransten Spieße aufreckten. Das Gekräute des Kartoffelfeldes ist fast spurlos verschwunden. Wenn es auf den Almen ebenso grob war, dann, Freund Alfred, kommt eine üppige Zeit. Dann giebt’s keine Arbeit mehr, hingegen viel Fleisch zu essen, weil alle Haustiere wegen Futtermangel geschlachtet werden müssen. Auf weiten Umwegen nur können wir zu Nachbarshöfen gelangen; an den Lehnen und Rainen sind überall Lawinen niedergegangen, so daß sich die braunen Erdstriemen hinabziehen bis in die Gräben, die teils vermuhrt sind, so daß die Wässer zu Tümpeln und die Tümpeln zu Seen steigen, um dann gewaltsam den Wall zu durchbrechen. Kannst du dich erinnern an unsere Landpartie nach Kattning, im vorigen Sommer? Da hatte auch der Hagel geschlagen, daß auf den Feldern alle Kornhalme die Knie gen Himmel reckten. So wie dort die Kornhalme sind hier in den Wäldern stellenweise die Bäume geknickt, daß die Stämme in einem unentwirrbaren Durcheinander daliegen. Von den Gleimer- und Schragererhöfen herüber hören wir Klagen, Fluchen und Weinen. Auch unsere Hausmutter wollte zu hadern anfangen mit dem Herrgott, da legte ihr der Adam die Hand an den Arm und sagte: „Mutter, so mußt nit! Schau, was sich der Mensch schwer legt, das tragt er schwer. Das Korn ist freilich derschlagen, aber wir leben noch allmiteinand. Denk, wenn’s umgekehrt wär’!“

„In Gottesnamen!“ rief sie aus, „wenn uns der Donner derschlagen hätt’ allmiteinand, so wär’s überstanden. Bei dem Menschen ist gleich alles gefehlt; geht er ins Holz, um ein Stückel Wildpret, ist’s gefehlt; verirrt er sich im Gernhaben, ist’s gefehlt; und der da oben thut selber, was er will!“

Na, das war ein ordentliches Trumm Gotteslästerung. Der Adam stand da und blickte sie mitleidig an. Und als sie sich ausgetobt hatte, begann sie — demütig zu beten.

Du hast einmal gesagt, Philosoph, das beste Mittel gegen alle Lästerung Gottes sei, an keinen zu glauben. Denn ihn glauben und ihn den Urheber auch alles Bösen sein zu lassen, sei die größte Blasphemie. Das ist sehr gut gesagt, wer jedoch meinen Adam kennt, der möchte wohl auf andere Gedanken kommen, nämlich, daß unter dem Rate der göttlichen Vorsehung überhaupt nichts Böses geschieht, weil dem gottfrohen Gemüte alles Böse leicht zum Guten wird.

Dem Hausvater wäre die gute Nachricht nicht einmal nötig gewesen, die am Abende von den Almen kam. Mehrere Hütten wären zwar vom Sturme abgedeckt worden, die ältesten Schirmbäume wären gefallen, aber vom Hagelschlag seien die Weiden verschont geblieben.

„Gut ist’s!“ rief die Hausmutter und klatschte die Hände zusammen. „Jetzt heißt’s auf die Alm, machen Heu, wo wir eins finden. Die Feldrüben und Erdäpfel hat’s auch nit derglängt — wir werden nit verhungern.“

Und haben in der folgenden Nacht besser geschlafen, als in mancher vorhergehenden.

Am nächsten Tage drohte der Hagel erst meine Jahresernte zu vernichten. Nach dem Mittagsessen — es gab diesmal nur eingebranntes Kraut und Brotsuppe — blieb der Hausvater beim Tische sitzen, als ob Feiertag wäre. Und sagte, ich solle auch sitzen bleiben, er wolle halt jetzt mit mir „raiten“.

Was das heiße?

„Sollst es halt gleichwohl sagen, Hansel, was wir dir schuldig sind. Denn jetzt dürfen wir dich wohl nit mehr bitten, daß du uns noch länger bleibst. Weil es eine solche Veränderung hat genommen in diesem Jahr. Du findest leicht einen besseren Platz. Siehst eh, wie arm es hergeht bei uns.“