„Laß mich aus, Guido! Ich will heim zum Vater!“

So hat sie sich von ihm losgerissen und ist schnell den Rain entlang geeilt, daß er laufen mußte, um sie noch abzufangen an der Hausthür.

„Barbel, ich will dir was sagen, du sollst jetzt nicht hinein. Denke, wofür du verantwortlich bist. Denke dran, Barbel. Laß dir’s nur sagen. Dein Vater — er ist schwer krank geworden....“

Heftig stieß sie ihn zurück und eilte in die Stube. Da hat man auch schon den gellenden Schrei gehört. Über den Toten ist sie hingefallen, hat ihn gerüttelt, hat ihm wie wahnsinnig ins fahle Antlitz geschrien, daß er soll’ aufwachen und sie ansehen! — Und als sie endlich zur Überzeugung kam, wie die Sache stand, da ist sie in eine starre Ruhe verfallen, daß es unheimlich war. Sprachlos, thränenlos wankte sie ihrer Kammer zu. — — Als man später das Stöhnen gehört hat, ahnte die Hausmutter es bald, was vorging. Die alte Marenzel, die gekommen war, den Toten aufzubahren, hatte nun etwas anderes zu thun. — Als wir, der Rocherl und ich, am Abende heimkamen, lagen zwei des Adamshauses auf der Bahre — der älteste und der jüngste.

So, mein Alfred, hat es sich zugetragen. Und war eine solche Trauer im Hause, daß ich gemeint habe: Wenn nur wer schelten wollte! Wenn nur wer hadern wollte mit diesem niederträchtigen Geschick, daß ein frischer Zorn, eine Gemütsrevolution ausbreche, damit doch diese dumpfe, diese schreckliche Trauer unterbrochen werde. Alle, auch die sonst so scharfe Hausmutter, standen und gingen matt und traumhaft umher. In der Nacht aber war’s, daß die Barbel in ihrem Bette anhub zu fragen: „Ja, ihr Leute, wie ist denn alles das zugegangen?“ Und am Frühmorgen hat sie gefragt: „Wie ist denn das gewesen, daß mein Vater gestorben ist?“

Weil keines mit der Sprache herauswollte, so trat ich vor, ging entschlossen in ihr Stüblein und begann herzhaft zu erzählen.

„Barbel,“ sage ich, „es ist ein glücklicher Tod gewesen. Wie er hört, daß der Lehrer redlich um deine Hand bittet, da hebt er beide Arme auf wie zum Segen und ruft: Soll’s doch sein, daß mein liebes Kind glücklich wird! Gott Lob und Dank! — Darauf an die Wand hingesunken und — aus ist’s gewesen.“

„Und herb wär’ er nit gewesen?“ fragt sie, „herb nit?“

„Freilich wohl herb, anfangs weil der Lehrer so spät gekommen ist — wohl rechtschaffen spät.“

Darauf hat sie nichts mehr gesagt. Nur später leise mit sich selbst gesprochen: „Wenn es so ist gewesen! Wenn es so ist gewesen!“ Und hat in sich hineingeweint, aber ganz anders, als vorher.