Von dieser Lüge, Alfred, mußt du mich lossprechen. Die wohlgemeinte Unwahrheit, die ein Herz vom Fegefeuer erlöst, kann doch nicht unrecht sein? — Aber jetzt in den Nächten, wenn ich schlaflos bin, sieht’s anders aus. Es ist ja furchtbar frevelhaft, ein Kind über das Sterben des Vaters zu täuschen! Hat nicht sie den Jammer über die Familie gebracht? Soll sie nicht die ganze Wucht ihres schweren Fehlers büßen? — Ich bitte dich, Freund, sage nein. Sage, du treuer Forscher nach dem Guten und Wahren, sage, daß es erlaubt ist zu täuschen, wenn man damit was Gutes stiften kann. Sage nicht auch das abscheuliche Wort: Wahrheit über alles, auch wenn darunter Menschenglück und Menschenherzen zu Grunde gehen. Ich beschwöre dich, Philosoph, laß alle Philosophie so sein, daß dieses Erdenleben milde wird und warm. Wenn es auch dunkel ist, wenn es nur reich an Liebe ist. Schau, das arme Mädel lächelt heute unter seligen Thränen. Die rohe Wahrheit hätte sie auf ihr Lebtag lang in Gram und Weh gestürzt.
Am nächsten Sonntage werde ich berichten, was sich in diesen Tagen weiter ereignet hat.
Sechsunddreißigster Sonntag
Am sechsunddreißigsten Sonntage.
An der Oberfläche scheint es, als kümmerten sich in der Bauernschaft die Leute nicht viel umeinander. Kommt jedoch über ein Haus etwas Besonderes, dann steht überall die menschliche Teilnahme auf, dann sind sie eines Stammes, die grünen und die dürren Zweige.
In den zwei Nächten, als unser Hausvater auf der langen Bank lag, konnte die große Stube kaum alle Anwesenden fassen, die gekommen waren, um zu trösten und zu beten. Etliche Bauernweiber hatten Butter, Weißbrot und gedörrte Waldkirschen gebracht, damit die Adamshauserin Mittel habe, ein würdiges Totenmahl zu bereiten. Ich beschreibe dir nicht die Sterbe- und Begräbnisgebräuche, deren im großen und kleinen unzählige sind, sinnlos nur für den, der keinen Sinn herauszufinden oder keinen hineinzulegen weiß. Denke dir bloß, daß während der Tage, als ein Toter im Hause liegt, keine knechtliche Arbeit verrichtet werden darf, daß die Wanduhr still stehen muß, daß das Sprengreisig, mit dem die Leute Weihwasser auf die Leiche spritzen, in einer dreifachen Kreuzform gewachsen sein soll, daß das Bettstroh im Freien verbrannt wird, auf welchem der Verstorbene in seiner letzten Lebensnacht gelegen, und dergleichen mehr. Der Gehstock des Toten wird ins Freie getragen und an einen alten Baum gebunden, damit er nicht allein umherwandeln kann, zu Nachbarshäusern. Wo so ein Stock an die Thür klopft, dort muß bald wer sterben. Im Trauerhause sind nächtig die Leute der Nachbarschaft an Tischen und Bänken herum, beten den Psalter, singen Totenlieder, essen Weißbrot mit Milchrahm und führen nebenbei allerlei Gespräche. Es soll bei solchen „Leichwachten“ manchmal ganz heiter hergehen, daß junge Leute Kurzweil treiben, körperliche Übungen ausführen und Schalkereien anstellen, sogar mit der Leiche nach einem alten Herkommen. Gleichsam — sie machen sich lustig über den Tod, er imponiert ihnen nicht. — In unserem Adamshause war nichts als die tiefe Gedrücktheit, und die Wirkung der von Männer- und Weiberstimmen kunstlos gesungenen Totenliedermelodien kann nur gefühlt, nicht beschrieben werden.
Die Leiche war mit einem weißen Leintuche bedeckt. Manche, die ankamen, hoben vom Haupte das Tuch, schauten ins lehmfahle Gesicht des Adam und sagten zu ihm nieder: „Gott gebe dir die ewige Ruh. Sollt’ ich dich einmal gekränkt haben, thu’ mir’s verzeihen.“
Es mag wohl so sein. Wenn man an der Bahre eines lieben Menschen steht, so fängt er erst an, einen zu erbarmen, nicht weil er gestorben ist, sondern weil er gelebt hat. Gelebt und gelitten, manchen schweren Kummer heimlich und geduldig für sich allein getragen. — Auch der Jäger Konrad hatte ihn so angeredet. Die Hausmutter hörte es und machte mit der Hand einen Deuter, als wollte sie sagen: Du, laß’es gut sein! Hättest ihm früher das Leid nit gemacht!