Neben der Leiche auf dem Lehnstuhl steht das hölzerne Kruzifix, vom Hausaltare herabgestellt, daneben ein Wasserglas mit dem Öllichte und ein Schüsselchen mit Weihwasser und dem Sprengzweige, mit dem sie den Toten von Zeit zu Zeit besprengen. Zu Füßen dieser langgestreckten schmalen Leiche, ganz im Wandwinkel, liegt ein kleines Ding, das auch mit weißem Tüchlein zugedeckt ist. Und das, mein lieber Alfred, ist die Erbsünde. —
Die Leute thun, als ob sie es nicht sähen und niemand fragt nach der Barbel.
In der zweiten Nacht wars, daß von der Nachbarschaft zwei Mägde ankamen, ganz erregt und verstört zur Thür herein. Sie wüßten etwas Unheimliches zu erzählen. Als sie durch den Schachen hergegangen seien, hätten sie an der Brunnenquelle neben dem Holzapfelbaum den Adam stehen gesehen. Er habe sich an einen Spatenstiel gestützt, als ob er gegraben hätte und dabei müde geworden wäre. Sie wüßten gar nicht, wie sie zum Hause hergekommen seien vor lauter Schreck.
„Wir wünschen ihm all’ die ewige Ruh,“ sagte ein alter Mann. Da that sich der Kulmbock hervor, der am Tische saß und rief überlaut: „Nit so dumm daherreden, Weiberleut’! Das friß ich nit! Was wirds denn ein Geist gewesen sein! Es giebt gar keinen Geist! Das werd’ ich etwan nit wissen! Just so!“
Der Kulmbock gehört jetzt zu den Aufgeklärten. Seit er zum Abgeordneten gewählt worden, stellen sie ihn überall voran, auf den Ehrenplatz und als Ordner hin. So hat er auch die Leitung des Begräbnisses übernommen. Allerseits entwickelt er eine große Beredsamkeit, die er einstweilen nur im Landtage noch nicht hat bethätigen können. Da will der kluge Mann erst einmal hören, was die anderen sagen. — Seine dralle Tochter war auch vorhanden in dieser Nacht; die drängte sich nicht vor, sondern hielt sich im Herdwinkel auf, mit anderen jungen Leuten heimlich schäkernd. Als der Rocherl mit Brotlaib und Messer dorthin kam und die munteren Burschen einlud, zuzugreifen, sagte die Kulmbock-Tochter schelmisch: „O ja, Rocherl, ich mag schon eins von dir, ein Brot. Schneid’ mir nur eins, aber ein recht großes Trumm.“
„Das wär’ bei dem eine Kunst,“ spottete einer der Burschen. „Mit einem Maul Brot essen, das wird er wohl können; aber mit einer Hand abschneiden, schwerlich.“
Darauf entgegnete der Rocherl scharf: „Und du thätest auch mit dem einen Maul nit stänkern, mein Lieber, wenn ich zwei gesunde Händ hätt!“
„Geht’s weg!“ schmollte die Kulmbock-Tochter, die Anderen mit dem Ellbogen von sich tauchend, „ich laß’ über den Rocherl nichts kommen!“
„Sie meint halt, halsen kann ein Einhandel auch!“ gab jener Bursche zurück.
Der Rocherl biß die Zähne aneinander, steckte das Messer tief in den Brotlaib und ging zur Thür hinaus. Ich hatte den kleinen Vorgang so halbhin beobachtet und da ist mir wieder das ganze Elend des armen Jungen klar geworden. Jeder Wichtling kann ihn nach Belieben verhöhnen, es geschieht ungestraft. Aber sie sollen sich nicht spaßen mit ihm. Wer ihn nur erst kennt! — Mit einer Hand führt man gefährlichere Waffen, als mit deren zwei!