Jetzt kommt aber noch etwas. Gegen Mitternacht war’s, wir knieten alle gerade an den Tischen, deren in der Stube mehrere aufgerichtet worden waren, und beteten, als unten an der Thür eine Bewegung entstand. Kurze Ausrufe. Dann gedämpftes Sprechen und Schluchzen. Aus der Dunkelheit trat eine Gestalt hervor, wie der Adam. Aber strammer, jugendlich, in Mütze und Soldatenmantel. Der Valentin! Der Urlauber! — Ein junger Mensch mit breitknochigem Gesicht und eingefallenen Wangen. Er giebt Jedem und Jeder die Hand, auch der Mutter nicht anders, als den Übrigen, und blickt unruhig, verwirrt um sich und tritt langsam, zögernd gegen die Bahre hin. Ein Weib deckt des Toten Gesicht auf und sagt leise: „Gelt! Ganz unverändert. Als wie wenn er thät schlafen. — Er thut gut rasten.“
Der Valentin kniet mit beiden Knien schwerfällig nieder auf das Fletz, faltet die Hände mit verschlungenen Fingern aneinander und starrt unverwandt auf den Toten. — Dann steht er auf, taumelt gegen den Uhrkasten hin, wo der Sarg lehnt, der fichtenhölzerne, unangestrichene, und an dem Beben und Stoßen seines Körpers sieht man’s, wie es in ihm wütet.
Wir in den Städten kennen sie nicht, die Schamhaftigkeit des Schmerzes. So wenig, wie wir die Schamhaftigkeit der Freude kennen und die Schamhaftigkeit der Liebe zwischen Kindern und Eltern. Der aus der Fremde kommende Sohn küßt nicht die Mutter, berührt die Leiche seines Vaters nicht mit einer Fingerspitze; nicht ein Wort der Zärtlichkeit, der Klage habe ich gehört von seinen Lippen — draußen im dunklen Vorhause erst hat er aufgegröhlt wie ein verwundeter Hirsch.
Später, als der Valentin neben seinem Bruder an der offenen Hausthür steht, herzschwül und wortkarg, und als sie so hinausschauen in die Mondnacht, da deutet der Rocherl auf eine Gestalt, die am Brunnen sitzt, und sagt: „Siehst du ihn, Valentin? Dort am Wassertrog. Das ist der Unglückstifter!“
Da tritt die Mutter vom Herd, wo bei prasselndem Feuer das Mahl kocht, zur Thür hin, und der Valentin solle sich doch hinsetzen und was essen.
Der Soldat schüttelt den Kopf, essen könne er nichts.
Sie stellen sich zusammen im Vorhause und die Mutter erzählt dem Heimgekehrten, wie sich alles zugetragen. Als sie von dem Menschen spricht, durch den die Barbel ins Unglück gekommen, soll Valentins Hand nach dem Stilet gezuckt haben.
„Jetzt nimmt er sie aber,“ sagt die Mutter.
Und der Soldat: „Das ist sein Glück.“
„Das ist sein Glück, meinst du?“ begehrt der Rocherl auf. „Und damit glaubst du, wär’ es gut?“