Er leugnete es nicht ab und gestand es nicht ein.

„Hab’ ihn eh gebeten, den Hauptmann, um Urlaub auf vier Tag, wie die Nachricht gekommen ist. Wenn jeder Urlaub hätt’, wo zu Haus eins von der Sippe stirbt, hat er Antwort gethan, alsdann hätten wir das halbe Regiment bei den Klageweibern!“

„Und dann bist du heimlich davon?“

„Ich gehe ja morgen, wenn’s vorbei ist, gleich wieder zurück.“

„Valentin,“ sage ich, „den Vater hast du noch einmal gesehen. Wir werden ihn gut betten. Geh’ lieber sogleich.“

Den Kopf hat er geschüttelt: Sogleich, das wolle er nicht.

Der Unglücksmensch ist geblieben, aber keiner von allen, die dem Totenbegängnisse beigewohnt, hat’s glaube ich geahnt, daß ein Deserteur danebenstand, als sie den starren Adam vom Laden hoben und auf die knisternden Hobelspäne in die Truhe legten. Während die Leute noch an den Tischen saßen und unter gedämpftem Geplauder das Totenmahl verzehrten, nagelte der Zimmermann den Deckel auf. Verdammt, war das eine Musik, dieses Hämmern auf den Sarg! Die Hausmutter hatte alle Thüren und Fenster zugemacht, daß die Barbel in ihrer Kammer den Schall nicht sollte hören können.

Dann haben sie den Schrein hinausgetragen und niedergestellt auf der Thürschwelle, haben das Lied gesungen, in welchem der Scheidende Abschied nimmt von Weib und Kind, von Haus und Hof. In dem Augenblicke hub in der Scheune, die gegenüber der Kammer des Mädels steht, die Kornwindmühle an zu klappern, heftig und schmetternd. Die Leute schauten mit Entrüstung auf. Der Kulmbock war über diese Störung der Andacht sehr empört, aber ich muß dir mit Freuden mitteilen von einem erweckten Menschen. Von dem Saufüssel — wieder gesund ist er worden! Und gerettet! Der hatte bei jenem Osterfeuer den Rocherl in die Glut bringen wollen. Der hatte vor Barbels Fenster den Spottpopanz aufgerichtet. Und jetzt war es dieser Saufüsselbub, der die Windmühle trieb und Späne hineingesteckt hatte, damit sie doch recht mächtig klappern möchte. Angestiftet soll ihn seine Mutter, die Marenzel haben: „Gedenk’s Bub, wie dir’s die Barbel gemeint hat, wie sie dich aus dem Rainhäusel hat befreit, wie sie in deiner Krankheit gut mit dir gewesen ist! Ich habe den Kulmbock schon gebeten, er möcht’ das harte Lied sein lassen vor der Thür. Er thut’s nit, der Dickschädel. Jetzt geh’, Bub’, und laß’ die Windmühl bredeln, daß alles schnalzt, damit die Kranke in der Kammer das Totensingen nit kann hören.“ — Der Totenbrauch war gestört, aber dem Mädel war der herzbrecherische Abschiedsgesang erspart geblieben. Mich freut jetzt dieser Saufüsselbub mehr, als alle sinnigen Totensitten zusammen. Die Barbel hat’s vollbracht, hat aus diesen zwei Leuten — Menschen gemacht.

Wer da halbwild wie ein Verbannter ums Haus schlich, sich dazugehörig fühlte und doch nicht dazugehen durfte, das war Guido Winter. Außer dem unversöhnlichen Rocherl sagte es ihm Keiner, daß er allein die Schuld an diesen Ereignissen sei, er selbst sagte es sich aber ununterbrochen, erbarmungslos. Nun wollte die Barbel wissen, wo der Guido sei, er solle zu ihr hineinkommen. Und dieses wunderbare Wesen — während sie den Vater davontrugen, während sie ihre Jugend, ihre Unschuld, ihr zartes Glück davontrugen, hat sie ihm mit lieben, sanften Worten Mut und Trost zugesprochen. Wenn man in diesen Schickungen sagen könne, jemand sei Schuld, so sei es sie. Sie hätte die Gescheitere sein sollen, denn er habe nicht gewußt, was er thue, nachdem, wie es einmal im Menschen eingerichtet sei vom lieben Gott. Die Hoffnung habe sie wohl immer gehabt, daß er sie nicht verlassen werde in der harten Zeit und wenn er so wäre, wie man es manchmal von anderen höre, dann erst müßte man verzagen. Das größte Leid hatten sie nun wohl überwunden, ein so großes komme nicht mehr, und wenn’s auch in Armut und Kümmernis müsse sein, alles sei ihr recht, nur ein wenig liebhaben solle er sie.