So hat sie zu ihm gesprochen und so hat er mir’s erzählt. Und mitten in diesen heiligen Dingen fällt es mir ein, ganz abscheulich profan: Jetzt, wenn sie nur schon da wären, die zwanzigtausend Kronen! Jetzt wollte ich einmal Goldonkel spielen, daß schon all’ des Teufels wäre!

Freund, wie sie so tapfer stand — es war dir ein wahres sursum corda! Ein urplötzliches Herzerheben in diesen Tagen der Trauer. —

Nun also haben wir sechs Männer ihn hinabgetragen über den steinigen Weg. Mit Riemen war die Truhe auf dem Tragschragen festgebunden, und doch wollte sie rutschend werden, weil der Schragen so schief getragen werden mußte, den steilen Hang hinab. Hinter diesem Sarge ist ein junger Bursche gegangen, mit roten Bändern am Hut und am Arm, ganz hochzeitlich angethan. Der hat vor sich auf den Armen, wie man ein Kind trägt, das winzige Trühlein getragen, das mit schneeweißer Leinwand verhüllt war. Den Rocherl hatten sie anfangs auserlesen, das sonderbare Schatzkästlein auf den Kirchhof zu tragen, der aber hat über diese Zumutung einen grauenhaften Schrei gethan und ist in den Wald gelaufen, so daß wir ihn beim Begräbnisse gar nicht gesehen haben. Hinter dem hochzeitlichen Burschen siffelte die alte Marenzel drein, in der einen dürren Hand den Stock, in der andern die Stalllterne. In der Laterne Scheiben spiegelte sich so scharf die Morgensonne, daß das Kerzenlicht darin erst wieder sichtbar ward in der schattigen Hohlschlucht. Und dann folgten die vielen Beter und Beterinnen, von jedem Hause mindestens eins, im ganzen Almgai. Die Hausmutter in ihrem dunkelblauen Gewande, der Valentin in seinem Soldatenmantel und der kleine Franzel in seinem grünverbrämten Steirerröcklein, waren mitten drinnen und thaten wie alle anderen. Weil die Trauer eine allgemeine geworden, so trugen sie scheinbar nicht schwerer, als die übrigen. Der Kulmbock soll sonst bei derlei Vorbeter gewesen sein, jetzt als Abgeordneter und Ordner hatte er mehr ans Reden zu denken, als ans Beten. So hat der Schneider Setznagel einspringen müssen mit seinem singenden Stimmlein. Ganz hinten am Zug trippelte der Michelmensch nach, der doppelte. Die zwei alten Einlegerleutchen kommen stets herfür, wenn es wo ein Totenschmäuslein giebt und haben sicher schon mehr Leute zu Grabe geleitet, als ihrer noch lebendig umsteigen auf diesen steinigen Bergen. Und zu allerhinterst lief einer nach, den sie wiederholt zurückjagten und der immer wieder nachkam, um seinem Hausvater das letzte Geleite zu geben. Der Pudel Bismarck. Als er jedoch endgültig merkte, daß seine Teilnahme durchaus nicht beliebt ward, schlich er mit eingezogenem Schweife zurück zum Adamshaus, stand dort vor der stillgewordenen Thür und weinte laut.

Eine alte Nachbarin war daheim geblieben bei der Barbel und soll ihr aus einem Gebetbuche den „Kreuzweg unseres Herrn und Erlösers Jesu Christi“ vorgesprochen haben. Ob das Herz des armen Mädels auf diesem Kreuzwege war, oder auf seinem eigenen ging —?

Als wir in die Kirche kamen, vor deren Thor die Leiche abgesetzt worden war, lagen auf dem Altare als Trauerschmuck vom Beinhause her schon die grinsenden Totenschädel; wer weiß, ob es nicht gerade die Voreltern des Adam waren, die jetzt Ehrenwache hielten bei dem Traueramte. Die Bänke waren voll Beter, wovon jeder ein Kerzenlicht vor sich stehen hatte. Der Valentin stand ganz hinten im dunklen Turmgewölbe und schaute auf das Kirchenthor hin, so oft es aufging.

Nach dem Amte haben wir den Adam an sein Grab getragen. Als wir ihn mit zwei langen Riemen hinabrollen ließen, so daß der Sarg an der knolligen Erdwand ein wenig dröhnte, da habe ich wohl doch horchen müssen, ob denn niemand aufschluchzt. Die Glocken waren hell geworden, der Geistliche betete sein Requiem und der Knabe schwang das Rauchfaß, daß die blauen Wölklein aufstiegen in den Flieder des Raines. Die Hausmutter ist dagestanden bewegungslos wie eine Säule und hat unverwandt zum Christuskreuze hingeschaut. — Der Lehrer, so muß ich denken, wenn er nur jetzt bei ihr ist....

Dann lehne ich die Leiter ins Grab und steige hinein, um den Sarg zurecht zu rücken, daß mein Adam gut rasten kann. Hernach hebt der hochzeitliche Bursche sein Trühlein herab, und wie ich das anfassen will, um es neben dem Sarge des Vaters zu betten, unterbricht der Kurat sein Gebet und fragt: „Es hat wohl die Taufe empfangen?“

„Mein Gott, freilich,“ berichtet die Marenzel.

„Natürlich, als es noch lebendig war?“ fragt er.

„Hochwürden Herr, lebendig ist es gar nie gewesen. Heißt das, es ist schon so auf die Welt gekommen.“