„Willst du damit was sagen, Jäger?“

Der zuckt die Achseln. Nicht aus den Augen lassen! Dagegen hat der Junge gründlich gesorgt.

Magst du es glauben, Philosoph, daß man im Almgai überall wieder Korn ausgestreut hat? Und jetzt im Herbst! Man kann nämlich auch im Herbst säen, das „Winterkorn“. Es grünt noch vor dem Schnee, dann scheint es in den langen Frost- und Eismonaten ganz und gar zu verkommen, im Frühjahr aber sprießt es frisch und kräftig hervor, reift fast zugleich mit der Frühjahrssaat und bringt wertvollere Frucht, als diese. „Wer im Herbste über das Kornfeld tritt, dem geht der Bauer mit einem Stück Brot nach, wer’s im Frühjahr thut, dem geht der Bauer mit dem Stecken nach.“ Dieses Sprüchwort deutet die Art des Wachstums an. Im Herbste wächst die Wurzel erdwärts, im Frühjahr der Keim himmelwärts. — Aber Freund, ich bewundere nur eins, nämlich, daß sie die Zuversicht nicht verlieren, trotz Wetterschläge und Mißernten immer wieder zu säen. Es kann alles wieder hin sein, was an Zeit, Arbeit und Samen hier geopfert wird — und sie thun es doch, und es kommt doch der Lohn, der für alles entschädigt, denn der Segen der Erde ist stärker, als der Fluch des Himmels.

Für uns giebt es jetzt weiter nichts dabei zu thun.

Die Hausmutter und ich arbeiten auf dem Kartoffelfeld vom Morgen bis zum Abend. Ganz allein sind wir bei diesem Ernten und hoffen vor dem ersten Schnee leicht fertig zu werden. Das Kartoffelgraben ist eine der wenigen Arbeiten, die ich nicht erst mühsam erlernen mußte. Oder ist jetzt keine Zeit mehr zu lernen? Die wenigen Knollen, die ich anfangs mit der Haue angehackt, haben mir so wehe gethan, als wären es meine bluteigenen Zehen gewesen. Am Abend laden wir die Säcke auf den Schubkarren und ziehen sie gemeinsam in den Hof. Dabei schweigen wir nebeneinander her. Mich verlangt’s manchmal zu sprechen über das, was uns widerfahren ist, sie thut nicht mit. Von den Kartoffeln spricht sie und von dem Herbstklee, von den Maulwürfen — und kein Wort von dem Jammer, der so schwer auf uns lastet. Am tiefsten scheint ihr das mit dem Rocherl zu gehen, denn einmal, mitten im Graben, hat sie aufgeschrieen: „Den Haustiel sollt’ man abschlagen über seinem Buckel! So blitzdumm! So sumpflackenschlecht! Durchgehen! Ein solches Elend und durchgehen!“

„Ich will am nächsten Sonntag wieder suchen gehen!“

Auf dieses mein Wort ruft sie aus: „Fremde Leut’ müssen einem helfen! Daß einem die eigenen Kinder so viel Kummer mögen anthun! Alle! Eins, wie alle! Schad’, daß der Franzel nit auch schon groß ist. Bin begierig, was der wird anstellen!“ — Dabei lacht sie grell auf. — Ja, Freund Alfred, lustig ist’s bei uns! — Der Lehrer läßt sich auch wieder nicht sehen.

So kann’s aber nicht fortgehen. Ich zermartere mir den Kopf, was jetzt zu machen ist. — Fromme Leute lehrt die Not beten, mich lehrt sie rechnen. Da habe ich vor einigen Tagen einem bekannten Advokaten in die Stadt geschrieben, ihm den Sachverhalt meiner Wette mitgeteilt und ihn gefragt, was zu thun ist, um der Sache auch ganz sicher zu sein. Die großartig poetischen Anwandlungen sind in dieser heißen Zeit gründlich versengt worden. Auf mein Geld verzichte ich nicht. Es giebt zu gute Verwendung dafür. Alles kann man mit Geld freilich nicht machen, besonders, wenn man keins hat. Hat man’s und versteht man’s, dann ist es wohl doch ein Zauber! Und dann soll auf dem Adamshause der richtige Tyrann herrschen! Die zwei Leute müssen heiraten, der Rocherl muß heim, der Franzel muß an den Pflug und den Soldaten müssen wir auch ledig kriegen. Mit Geld geht alles, und warum soll nicht auch ich meine noblen Passionen haben! Wenn der Baron Wieselwang jährlich seine zwanzigtausend Kronen für Jagdvergnügen ausgiebt, so kann der Trautendorffer, dessen Vorfahren wahrscheinlich zur Zeit der Hohenstaufen Wegelagerer gewesen, auch etwas auf ein Amüsement sehen. Mir macht’s gerade einmal Spaß, diese Adamsleute wieder auf die Füße zu stellen. Ich will just einmal einen alten Bauernhof aufstiften, zur Zeit, wo es Mode ist, die Bauernhöfe abzustiften. Ist’s ein Unsinn, so sehe ich nicht ein, weshalb gerade ich mit meinem Gelde keinen Unsinn machen soll. Ich kannte einmal einen feinen Herrn, der zwei viertel Millionen darauf verwendet hat, sich und seine Familie zu Grunde zu richten mit Spiel und Sport und Weibern. So kostspielig sind meine Passionen nicht. Freilich auch nicht so nobel.

Nun, einstweilen heißt es mit der Hände Arbeit wacker nachhelfen. Und da glaube ich gestern kein schlechtes Stück geleistet zu haben. Nicht beim Kartoffelgraben. Ein besseres. Ich erzähle dir.

Kam da ein fremdes Männlein ins Haus, halb Bauer, halb Herr und halb etwas anderes. Eine spottschlechte Figur mit Höcker, krummen Beinen und einer Glatze von vorn bis hinten. Sonst anmutig. Zuthunliches Rundgesicht, gut rasiert, voller Teilnahme über und über wegen der so schweren Unglücksfälle, die das Haus betroffen. Wohl auch er hätte ein ungeheuer schlechtes Jahr gehabt. Dem Bauer wäre wenigstens der Erdboden geblieben, auf dem wieder etwas wachsen könne. Ihm habe das böse Wetter, das die Feldfrüchte erschlug, alles erschlagen. Und deswegen werde die christliche Adamshauserin ein Einsehen haben und ihm von dem blutigen Angelde, das er für das Getreide gegeben, wenigstens einen Teil wieder zurückerstatten. Es müsse ja nicht gleich sein, aus Nächstenliebe wolle er zuwarten, ja er sei — weil ein Mensch den andern nicht verlassen dürfe — bereit, ein Übriges zu thun. Sollte sie, die gute Adamshauserin jetzt etwa in Geldnöten sein? Nach solchen Unglücksfällen wäre es ja wohl kein Wunder. Zwei, dreihundert Gulden? Sie dürfe es nur sagen. Ohne Zinsen! Und mit dem Zurückzahlen werde er sie nicht drängen, das sei nicht seine Sache, aus dem Unglücke anderer Vorteil zu ziehen. Sollte es ihr binnen fünf Jahren nicht leicht werden, das Geld zurückzugeben, so würde er gerne eine andere Deckung annehmen, etwa das Wäldchen unten am Raine bis zum Felswändel hin — und erbitte sich hierüber bloß eine Unterschrift — der Ordnung halber. Das Angeld fürs Getreide wolle er dann auch durchgehen lassen, in Gottesnamen.