Jetzt bin ich doch nahe hingetreten zu ihr, so nahe, daß die Haspelflügeln mir den Wind ins Gesicht gefächelt haben: „Muß es ja schon etlichemal gesagt haben, Hausmutter, daß Ihr mir nichts schuldig seid. Daß der Herrgott mich eigentlich nicht zu einem Bauernknecht geschnitzt hat, werdet Ihr wohl schon lange bemerkt haben. Dazu ist der Holzklotz nicht hart genug gewesen. Verwunschener Prinz bin ich auch keiner. Rein aus Gesundheitsgründen bin ich in die Bergluft gegangen. Wohl, wohl, Mutter, rein aus Gesundheitsgründen! Weil die körperliche Arbeit und das Schwitzen so gesund ist. Bin auch kernfrisch geworden, da heroben bei Euch, und dafür werde ich mich noch lohnen lassen! Bin ich Euch was nutz, so bleibe ich gern noch ein Eichtel da. Nachher im Winter vielleicht, bis ihr alle wieder auf gleich gekommen seid, werde ich halt wieder zum Wanderstecken greifen.“
„So“ rief sie und ließ den Haspel stehen. „Na, gute Nacht! Wenn der Knecht auch fortgeht, nachher können wir das Vieh beim Schweif aufhängen und uns lebendigerweis eingraben lassen. Na, ich sag’s, viel dicker kann’s schon nit mehr kommen.“
„Also kriegt noch wer was, oder nit?“ stach der Schneidermeister mit seinem spitzen Stimmlein dazwischen. Mit seinem Maßfaden stand er da, in kühnster Bereitschaft, mir Beine, Bauch und Buckel zu messen. Hier auf der Bauernschaft ist der Schneider nicht zum Spotte, wahrlich nicht! Vielmehr zur Furcht und Angst ist er! Das Haus beherrscht er, sein besonderes Essen begehrt er, wie sein Nachtbett gebaut und geschichtet werden muß, schreibt er vor. Wenn die Stubenwärme um ein Scheit zu niedrig ist (zu hoch ist sie ihm nie), dann hebt er an, heftig den Faden zu reißen, und giebt der Bäuerin Schuld, wenn der Zwirn entzwei geht; hebt an, die Lodenstücke hin und herzuschleudern, in weitem Bogen auszuspucken und die Bäuerin kann sich freuen! Wenn er zur Nachbarschaft kommt, wird er ihr ein kurioses Loblied singen.
Und weil sonst niemand was kriegt, so beginnt mein kleiner Meister Setznagel mit den Augen ganz schrecklich umherzublitzen, bis er — auf den Zuschnitt für den kleinen Franzel weisend — in die Worte ausbricht: „Und wegen dem Kletzen da sind wir auf den Berg heraufgefoppt worden?!“
„Mein Gott,“ lacht die Hausmutter bitterlich auf, „was kann denn ich dafür, wenn die Leut’ wegsterben, mit den Schandarmen fortgeführt werden und selber davonlaufen?“
„Kann ich dafür?“ begehrt der Schneider auf.
Jetzt packt mich der Unmut. Mit der Faust nagle ich’s auf die Tischecke: „Was giebt’s da zu greinen! Ihr macht, Schneider, was zu machen ist, und paßt’s Euch nicht, so geht es leichter thalwärts als bergwärts. Versteht Ihr mich leidlich?“
Damit bin ich schön angekommen. Der Schneider verstand sehr gut, erschrak aber durchaus nicht. Er ging ruhig zur Bank, wo die Hausmutter saß, und forderte sein Geld. Sie sind dem Ungeheuer schon seit Jahr und Tag den Sterlohn schuldig. Jetzt ist es an mir, in den Sack zu greifen und den Rest meines Sparpfennigs hervorzuthun. Knapp reicht es zur Sühne des beleidigten Schneiders. Dann hat er sein Zeug und seinen Lehrbuben zusammengepackt und ist davon. Die zugeschnittenen Hosenteile für den Franzel liegen auf dem Tisch. Wenn sie mit Eisennägeln zusammengenagelt werden könnten, da wüßte der ehemalige Grobschmied vielleicht Rat. Die Nadel geht über meine Kraft. — Und so fange ich an, in diesem Hause Ungutes zu stiften. Aber wer hätte gedacht, daß auch der kleine Schneider sich mit dem großen Schicksal verbindet.
Es erschien demnach hoch an der Zeit, daß heute vom Rechtsanwalt ein Schreiben kam. Allerdings eins, das schlechter war als keins. Meine Angelegenheit mit dem Herrn Stein von Stein — schreibt der Mann — wäre eine etwas faule Sache. Ich würde gut thun, mir bei Zeiten eine verläßliche Zeugenschaft zu sichern, denn der Wettgegner scheine ein geriebener Herr zu sein und nicht gesonnen, einer „hirnverbrannten Marotte Rechnung zu tragen“. Ich solle mich — rät der Advokat — aber ja nicht etwa auf die Socken machen nach der Stadt, um meine Sache zu betreiben. Den Bauernhof verlassend, wäre mein Recht formell verfallen. Keine Stunde dürfe fehlen an dem Bauernjahre. —