Das Mahl — ein Halberabendmahl — haben wir recht einfach gehalten. Ziemlich schweigsam hat jeder seine Portion Aufgeschnittenes mit Kuchen verzehrt oder in den Sack gesteckt. Es war zu merken, daß der Kulmbock einen Trinkspruch in Bereitschaft hatte und damit nur warten wollte, bis der Wein kam. Wir tranken Apfelmost und der Wein kam nicht. Draußen schneiete es stark und es begann zu dunkeln. Die Barbel schaute mich schon immer an und sagte nun ganz leise, es würde ein hartes Heimgehen sein in der Nacht. Das hieß, wir möchten lieber noch bei Tage gehen, und das war sehr nach meinem Geschmack. — Und als wir uns zusammenpackten, na, da kamen sie. Als der erste erschien, der Nachbar Gleimer war’s, zündete der Wirt sogleich zwei Lampen an. Der Gleimer brachte einen eisernen Kochtopf mit und stellte ihn schweigend vor die Braut. Hernach stiegen die anderen daher zu unserer Überraschung. Es kamen die Bauern aus nah und fern, von der ganzen Gemeinde. Wie pure Schneemänner gingen sie zur Thür herein. Ungestüm war das Wetter geworden und der Wind trieb den Schneestaub ins Vorhaus. Da haben wir uns neuerdings niedergelassen am Tische. Jeder Ankommende hatte ein Hochzeitsgeschenk bei sich. Bäuerinnen brachten mancherlei Hauseinrichtungen, hatten in Körben und Säcken Mehl, Fett, Eier und Backwerk. Der Schuster Zwegel brachte mir eine von ihm selbst gestrickte Wollenhaube, der Schneider Setznagel ein Paar Lodenpantoffeln, zum Zeichen, daß er vergeben und vergessen hat und um neue Kundschaft wirbt. Der Kulmbock konnte nicht mehr länger zurückhalten, er bestellte Wein. Während noch allenthalben die Gläser gefüllt wurden, ließ er los. Er sprach im Predigertone und griff zurück bis auf Adam und Eva. Dabei machte er Anspielungen, die man schlechterdings nicht zweideutig nennen konnte, weil sie nur mehr eindeutig waren. Ungeahnt frühzeitig, gottlob, kam er auf die geistvolle Schlußwendung: Der Bräutigam soll leben und die Braut daneben!

Kaum war die Festrede vorüber, so erhob sich draußen im Vorhause helles Gedudel. Bläser und Geiger waren gekommen. Der Kulmbock zog seinen feuchten Lodenrock aus, ging in flatternden Hemdärmeln umher, lud nach allen Seiten zum Essen und Trinken ein, war witzig und rief ein ums andere mal: „Geschmalzene Holzäpfel friß ich nit!“

Dieweilen kamen immer noch Leute mit Gaben. Der Sackbuttner brachte eine Blechschelle für die Kuh, die er dem Lehrer verkauft; er war der Meinung, es gebe Lehrerhochzeit. Der Schrager brachte einen nagelneuen Melkzuber, den er selber geböttchert hatte. Der Jäger Konrad, der zu endgültigem Friedensschlusse als Brautzeuge gewählt worden war, brachte einen wolligen Fuchsbalg dar, „vors Bett hin, wenn die Barbel schlafen geht und aufsteht“. Die Nähterin Rosalia that mit ihrem Hochzeitsgeschenk gar geheimnisvoll, wickelte es vorsichtig aus einem schneeweißen Tüchlein und hielt es am Stengel der Barbel hin. Ein großer Apfel mit roten Wangen. Alles könnten sie genießen, die lieben Eheleute, so legte die Nähterin es aus, nur an diesem Apfel dürften sie nicht naschen. „Warum nit, das will ich euch sagen, wer davon ißt, der verdirbt sich den Magen.“ Weise war’s gesprochen, denn der große Apfel erwies sich als hölzerne Kapsel, die aufzuschrauben war und in der sich ein Spiegelchen, ein Fingernagelzwicker und ein Hühneraugenpflaster befand. Schlimmer war’s, als die alte Marenzel mit einem kleinen Kinde hereinkam und es schaukelnd und ein Wiegenlied trillernd der Barbel zutrug. Auf dem Tische wurde sofort ein Bettchen hergerichtet, die Alte wickelte die Fatschen auseinander und da lag — mutternackend — ein schlanker Butterstritzel.

„Geschmalzene Säg’späne friß ich nit!“ schrie der Kulmbock drein, um über das sinnige Geschenk seine Überraschung und seinen Beifall auszudrücken.

Ich lachte überlaut mit und dankte dahin, dorthin. Mein armes Mädel saß da wie ein Muttergottesbild und ließ alles gelassen über sich ergehen.

Die Hausmutter war nachgerade ungeberdig geworden. Schon die Musikanten gefielen ihr nicht, mitten in der heiligen Adventszeit. Das ganze Treiben war ihr zuwider „und wenn es Glasscherben schneibt“, sie will heim. Just zündete sie die Laterne an, die der Kirchenwirt uns für den Heimgang borgen wollte, da — aber Freund, ich kann nichts dafür, daß der Zufall bisweilen so gut aufgelegt ist. Du wirst sagen, der Zufall komponiere nicht Romane. Ja, Alter, er komponiert deren manchmal — rein aus Zufall.

Die Wirtin hatte die Stubenthür weit aufgemacht und sagte laut auf uns her: „Jetzt werd’ ich mir wohl ein Vergeltsgott verdienen fürs Thüraufmachen!“

Wir schauen ins dunkle Vorhaus hinaus, die Musikanten blasen einen Tusch und nun — steht er da. — In voller Uniform, mit Helm und Seitenspieß, den beschneiten Mantel auseinandergeschlagen, daß von der breiten Brust die Knöpfe uns entgegenfunkeln wie zwei Reihen munterer Augen. Der Valentin. Das war nun freilich ein anderer Kerl, als damals im Sommer. Sein rotes Gesicht lachte breit auseinander, wie ein Sieger schaute er frei um sich. Von allen Tischen streckten sich ihm Hände und Gläser entgegen — er drang durch das Gedränge bis zum Ehrentisch vor, zu Mutter und Geschwistern. Meine Hand nahm er zuletzt und hielt sie am längsten.

„Diesmal ist’s anders, Hansel!“ lachte er mir zu.

„Und bei uns auch!“ sagte ich.