Am Christabende legten wir schon um die Mittagszeit alle Werkzeuge zur Ruh und jedes zog seine guten Kleider an. Wie es an Festtagen der Adam gethan hatte, so that es jetzt der Valentin, der alten Brauch nicht abkommen lassen will. Er nahm das Kruzifix vom Wandwinkel und stellte es auf den weißgedeckten Tisch. Die Hausmutter that zwei Lichter dazu von jenen Kerzen, die damals meine Barbel gegossen hatte. Der Rocherl ist vor Andachtsstimmung ganz blaß geworden und mein Mädel hegt in stiller Emsigkeit die Haustiere, daß sie sich ruhig verhalten. Das ganze Adamshaus ist eine Kapelle geworden. Und die Mutter! Dieses tiefe, wortlose Glauben, diese innige Erwartung des Christkindes, du kannst dir’s nicht vorstellen. Wer so glauben könnte! Es ist ja wohl auch Gewohnheit und Herkommen dabei, aber die Seelenstärke dieses geplagten Bauernweibes holt sie sich von Gott Vater und seinem eingebornen Sohn.

Die Barbel ist auch so. In den Krug zu den Kirschbaumzweigen hatte sie frisches Erdreich gethan und Wasser drangegossen. Aber die Knospen wollten sich nicht rühren. Einmal ganz träumerisch schaute sie die kahlen Zweige an und sagte leise: „Es wird nichts sein. Das Christkind verzeiht nicht.“

Um eilf Uhr in der Nacht zündeten sie eine Spanlunte an und gingen hinab zur Kirche. Ich hatte mich bereit erklärt, das Haus zu hüten, wollte eine Weihnacht für mich allein haben. Um Mitternacht sperrte ich die Thür ab und ging über den gefrorenen Schnee hinan zur Kulmplatte. Da ruhte der Sternenhimmel über der weiten Schneelandschaft. In Hoisendorf läuteten die Glocken. Die Kirchenfenster standen wie rote Quadratlein im dunklen Thale. Ein anderes Klingen kam über das Waldgebirge herüber. So leuchtet und so klingt es in dieser Mitternacht durch das ganze Land. Und in Millionen menschlicher Herzen lebt der heilige Christ, so wahr und wirklich, wie je etwas nur leben kann, das gesehen, gehört und empfunden wird.... In mir war so was wie psalmistischer Rhythmus: Meine Leidenschaften habe ich wie Samen in die Himmel verstreut und mein mutternacktes Herz weidet im Garten der Sterne. —

Ich steige vielleicht nun bald hinab in die Tiefen. Wann wird wieder eine Stunde kommen, da ich dem Himmel so nahe bin?

Am Christmorgen weckt mich hellklingendes Lachen aus dem Schlafe. Zwei Sonnenströme quellen zu den Fenstern herein durch die Stube, einer der Ströme fällt auf den Tisch, wo der Krug mit den Kirschbaumzweigen steht, und die Zweige alle drei tragen kleine rosige Blüten. Darum lacht meine Barbel noch in ihrem weißen Bette voller Glückseligkeit. — Das Christkind hat verziehen.

Wie der Haussohn, der Rocherl, die Mär hört: Die Kirschbaumzweige blühen! da thut er in der Stube einen Freudensprung so hoch, daß sein befederter Hut die Stubendecke berührt. „Juchhe, die Barbel ist glücklich!“

Jetzt, mein Freund, jetzt erst geht mir ein Licht auf, über diesen Burschen. — Treue Wächter hatte sie, leidenschaftliche, thörichte Wächter. Und der Gescheitere hat auch hier wieder der Himmel sein müssen.

Am Christtage, nach dem Gottesdienst haben wir ein Festmahl gehabt, an dem der große Hagelschlag im August wahrlich nicht zu spüren gewesen ist. Sogar einen Plutzer Wein hatte der Valentin, dieser Epikuräer, mitgebracht vom Kirchenwirt, und die Hausmutter war’s, die zuerst den Krug ergriff und vor dem Trunk die Worte sprach: „Hansel und Barbel! Auf euere Gesundheit!“

Und nach dem Mahle ist auch noch etwas gekommen. Erinnerte sich der Franzel, daß er einen Brief in der Tasche habe, vom dreibeinigen Postboten an die Barbel. Es war ein Brief aus Wien von Guido Winter. Er nimmt Abschied von der Barbel, läßt alle grüßen und bitten, ihm eine wohlwollende Erinnerung zu bewahren. Er habe seiner erkannten Fehler und Unzulänglichkeit wegen der Schule entsagt und durch Vermittelung eines Freundes im Komptoir einer Fahrradfabrik Beschäftigung gefunden.