Daß wir etwas Bedenkliches im Hause haben, ahnst du. Oder bist du noch nicht auf schlimme Gedanken gekommen? — Ein halbverlumpter Städter geht, um eine Geldsumme zu gewinnen, zu den Bauern, prahlerisch, hinterlistig. In einem Gebirgshause bei schlichten herzensguten Leuten, wo er in Vertrauen und Treue aufgenommen wird, verführt er den Liebling aller, die einzige Tochter und Schwester, ein engelschönes, schuldloses Kind. Sie thut sich Leides an, Vater und Mutter vergehen vor Gram und der Abenteurer kehrt — nachdem er die Familie im Bauernhause zu Grunde gerichtet hat — zur Stadt zurück, um seine Wette einzustreichen.
Wäre das nicht packend und modern?
Nein, es ist schlecht und grausam, solche Ungeheuerlichkeiten auch nur zu denken. — Es ist aber auch eine ganz niederträchtige Hoffart, zu sagen: Bei mir weit entfernt davon! Es waren Augenblicke der Gefahr, daß Gott mich verlassen könnte! — Aber darf der Gerettete denn jubeln, wenn er andere in Not, vielleicht in Schuld steht?
Doch, das muß alles hübsch in Ordnung vorgebracht werden, sonst wirst du mir kopfscheu. Mein ältester Bekannter in Hoisendorf ist, wie du weißt, der Schullehrer Guido Winter. Derselbe, der im Januar mir das Adamshaus gewiesen hat und mich dann nicht wollte heraufsteigen lassen. Hernach hat’s eine Spannung gegeben und nun ist alles klar. Der Mann ist etwa um zehn Jahre jünger als ich. Nicht gerade der Hübscheste. So blatternarbig, daß der Rocherl sagt, er müsse mit dem Gesichte auf einem Rohrstuhl gesessen sein. Dazu linkisch und ungeschickt, ein bissel unterthänig und ein bissel stolz und ein bissel eigensinnig und hat noch besondere Sachen. Im ganzen ein frischer Kerl. Wir kommen an Sonntagen zusammen und Plaudern. Ich besuche ihn schon seiner Bücher wegen und weil er mir die Zeitung vermittelt, die übrigens nur deshalb für mich noch einen gewissen Reiz hat, weil sie im Adamshause eine verbotene Frucht ist. Der Apfel vom Baum der Erkenntnis, wenn ich geistreich sein wollte. Doch heute habe ich dir wichtigeres zu sagen.
Mehrmals schon hatte ich bemerkt, daß der Lehrer hinterhältig gegen mich ist. Natürlich, er kann ja auch aus mir nicht klug werden. Er kennt sich nicht aus bei diesem zugereisten Knecht und ich habe bislang Bedenken getragen, ihm meine Geschichte mitzuteilen. Nun kommen aber nach und nach allerhand Geschichten zusammen, eine hängt an der andern wie in Tausend und einer Nacht, und sind noch so viele Wochen! Was das für ein Ende geben wird — der Himmel weiß es!
An diesem schönen Frühlingstage, als ich nach Hause will, hat sich der Lehrer mir angeschlossen. Er müsse einmal ganz extra mit mir gehen, vorgenommen habe er sich’s schon lange. Da ist mir schon so etwas aufgefallen. — Wir gehen nach dem Wasser hinein, wir gehen aber nicht den Berg hinauf. Wir steigen in die Klamm und durch das Hochthal weiter bis zum Almboden, wo jetzt neben Resten von Schneelawinen aus dem grauen Gefilze des Vorjahrs endlich auch das feine frische Gras hervorsticht, gelbliche Primeln stehen, die dünnständigen Lärchen grünen und in roten weichen Zäpfchen blühen. An den Berglehnen ragen stellenweise graue Steinknorze hervor und aus dem Hintergrunde des Hochthals leuchtet eine zerrissene Felswand. Wenn ich zeichnen könnte! Pah, die Landschaften bleiben ja stehen. Die Menschen müßte man zeichnen!
Zuerst, glaube ich, haben wir von Adams Franzel gesprochen, dem Schulknaben. Ein aufgewecktes Köpflein, sagt der Lehrer. In den Schulgegenständen nicht gerade der erste, aber voller Aufmerksamkeit und Beobachtung für Tiere, Pflanzen, Steine. Die Bücher langweilen ihn, wo er aber frei denken und Schlüsse ziehen kann, da ist er der ganzen Schule über.
„Den müssen wir wohl in die Stadt zu bringen trachten,“ setzte der Lehrer seiner Schilderung bei.
„Hören Sie mir auf mit der Stadt!“ rief ich drein. „Was soll er denn in der Stadt? Dort giebt’s ohnehin schon gescheite Leute genug. Lasset doch auch ein paar kluge Köpfe bei den Bauern daheim. Da haben sie schon auch ihre Nüsse zu knacken und ist wenigstens ein Kern drin. Wenn alle begabten Leute davonlaufen, dann ist es wohl kein Wunder, daß geschieht, was geschieht.“