„Wohin wollen denn Sie mich führen, wohin?“

„Einstweilen bis zu den Zirmbüschen hinab, hier geht ein scharfer Wind.“

Walpa stieg an seiner Hand hinab und gedachte dem Fremden, der ihr nun schon das zweitemal freundlich genaht war, ihr Anliegen mitzutheilen.

Auf dem Bergmoos zwischen dichten Sträuchen, die sie wie ein undurchdringlicher Wall umgaben, saßen sie und Walpa schüttete ihr Herz aus vor Dem, der ihr so theilnahmsvoll zuhörte.

Und als sie schluchzend geendet hatte, sagte er: „Was Du da erzählst, das könnte Einem das Herz durchschneiden. Das hält kein Mensch aus; dieser Seizmüller muß eine elende Creatur sein. Von dem mußt Du Dich befreien. Wenn Du es nicht schon so machen kannst oder willst, wie es die Kathrina Schmachegger gemacht hat, deren Proceß vor wenigen Tagen abgelaufen ist, so — nu, so mußt Du es eben anders machen. Du bist hübsch und noch jung, Freundin, Dir kann’s nirgends fehlen. Gehe in die Stadt...“

Nimmer konnte es das harmlose Landweib verstehen, was der Fremde meinte. — In die Stadt gehen, das gefiele ihr schon. Wenn sich nur Alles so einrichten ließe, daß kein Aufsehen entstünde und daß der Seizmüller schließlich nicht etwa ihren Aufenthalt entdeckte. Lieber wäre ihr freilich noch ein anderer Ausweg, als den angetrauten Ehemann so zu verlassen — und was denn die Kathrina Schmachegger gethan habe, von der er vorhin gesprochen?

„Die Schmachegger war eine Bäuerin aus dem Untersaß,“ belehrte der Fremde, „diese hat ihrem Ehegatten, mit welchem sie in Unfrieden lebte, in einer Krankheit, die über ihn gekommen war, den Beistand versagt und ihn verderben lassen. Sie ist aber freigesprochen worden, denn es war doch nicht bewiesen, daß ihre besondere Pflege ihn gesund gemacht hätte. Und es war nur die Unterlassung einer Tugend, zu der das Gesetz Niemanden zwingen kann.“

Darauf hat die Walpa stillgeschwiegen und der Stadtherr, der in’s Gebirge gekommen war, um die Natur zu genießen, hat seinen Arm ausgebreitet, sie möge ihn für den Freund halten, sie möge sich entschädigen für das harte Kreuz, das sie tragen müsse und sie möge dieses Kreuz mit aller Macht abschütteln.

Still war’s; auf solchen Höhen summen keine Mücken und die Vögel hatten sich versteckt in’s traute Heim unter den Büschen. Der Zirm schien höher und höher zu wachsen, ein weißer Schmetterling gaukelte im Zickzack heran.