„So!“ rief die Walpa plötzlich und ihre Stimme war laut, „ein solcher Freund sind Sie? — Nein, lassen Sie mich! Jetzt sitzt doch schon überall der Höllische, wo man hinschaut!“
Sie floh davon, und wie lange der Bergwanderer noch gelegen ist zwischen den Büschen, man weiß es nicht — verlangt es auch nicht zu wissen.
Walpa war wieder zurückgekehrt in die Mühle und hatte sich noch einmal fest vorgenommen, dem Müller ein treues Eheweib zu sein, Alles, was über sie kommen sollte, mit Ergebenheit zu tragen und ihr Herz verhärten zu lassen zu einem Stein.
Wohl, Herzen können verhärten, bleiben aber dennoch heiß und schwer und glückbegehrend. Walpa sah andere Ehen voll stillen, fröhlichen Glückes; sah an ihrem Hause vorbei manch’ freudiges Paar wandeln, manchen Brautzug, sah manch’ Kindlein tragen von den Engthälern heraus gegen die Kirche zur Taufe. Sie könnte es auch so haben. — Ob der Blasius wohl schon ein Weib hat? — Der liebe Schutzengel behüte vor aller Versuchung. — Ihr Mann ist ja auch ein Mensch, sie will ihn schätzen, will ihn pflegen; er hat doch Niemanden auf der Welt als sein Weib. — Die mildesten Worte hatte sie für den Gatten und mit Sorgfalt bereitete sie stets sein Mahl. Er aß es brummend und finster. Wenn er nüchtern war, so hörte sie von ihm kein Wort. — Das war ihre glücklichste Zeit und sie dachte, sagt er nichts, so wird er wohl zufrieden sein. Aber wie selten! — Es verging kein Tag, an welchem sie von ihrem Manne nicht eine Rohheit erfuhr. Er polterte und fluchte und spöttelte und höhnte, er that ihr Schimpf um Schimpf an und wenn sie dagegen auftrat, so ging’s ihr hart wie einer Sklavin, wie einem Hund, den der Zornige mit Fußtritten von sich stößt. Es ging auch die Wirthschaft schlechter und in der Mühle ruhten die Räder öfter, als es Sonntag war. Den Seizmüller reute das Geld, welches er für den Wiesenwirth ausgegeben hatte, anstatt er Brauthabe hätte bekommen sollen. „Wie mich der Teufel nur so hat verblenden mögen!“ rief er im Grimme, „daß mir ein Bettelweib hat können gefallen. Deine Schönheit? Ha, da muß ich lachen! Angethan hat sie mir’s und seit sie in der Mühl’, ist kein Segen mehr.“
Da hob die Walpa zu ihm die gefalteten Hände: „Lieber Mann, so laß mich wieder fort! Ich seh’s ja auch ein, wir taugen nicht für einander, wir können Beide nicht dafür. Ich will ja mein Lebtag lang keinen andern Mann, ich will Dir danken bis zum letzten Athemzug, nur fort laß mich, ich bitte Dich um des heiligen Kreuzes Jesu willen!“
„Ah!“ stieß der Seizmüller schnaubend heraus, „davonlaufen, das geht Dir noch ab, Du Zigeunerdirn. Meinst, ich wollt’ nicht auch meinem Gott danken, wärst Du aus dem Hause? — Thät’st Dir wohl in die Faust lachen, wenn die Leut’ mit Fingern auf mich zeigten: Schau, schau, das ist der alte Esel, dem ist sein Weib durchgegangen! In’s Unglück hast mich schon gebracht, jetzt willst mich auch noch in die Schand bringen? — Jesses, mir zucken gerade die Händ’! In die Mauer wollt’ ich Dich — Du — Du Creatur!“
Er langte nach ihren Locken, sie stürzte davon. Draußen, hart am Mühlbach, sank sie zu Boden.
— Ihrem Leben ein Ende machen? — Noch so jung, so weltbegehrend — und dieses Wütherichs wegen sterben! — — Nein, dafür haßt sie ihn zu sehr. Sie kennt nun ihren Entschluß, sie sinnt nicht mehr, sie weint nicht mehr — in stiller Nacht, während der Mann im Wirthshause sitzt, schnürt sie ihr Bündel und geht davon. Wohin sie kommt, was mit ihr geschieht — alleins. In alles erdenkliche Elend will sie sich lieber stürzen, als bei diesem Teufel leben.
Mit der Hast einer Verbrecherin floh sie, Alles zurücklassend, was ihr eigen war auf Erd’. Mit dem ersten Schritte über die Markung der Mühle hinaus war sie in Acht und Bann der Armuth und Noth. Aber sie kreischte auf vor Lust, als sie sich frei fühlte. So weit man sie noch kennt, ist sie die Müllerin, die mit ihrem Bündel eine drüben in der Scharn erkrankte Muhme heimsucht. Später, wo sie wer anfrägt, ist sie eine Schnitterin aus dem Untersaß und geht aus auf einen Verdienst. — Sie hätte so viel Aehnlichkeit mit der Seizmüllerin in der Transau, sagte ihr ein alt Weiblein. „Ja,“ entgegnete die Walpa, „ich bin mit ihr verwandt.“
„Wie’s nur sein hat mögen, daß die das große Glück mit dieser Heirat hat gemacht?“ meinte das Weiblein.