Tagsüber irrte sie in den Bergwäldern. Von Müdigkeit übermannt schlief sie auf einer Steinplatte, über welche der Epheu spann und die Eidechsen hin und her liefen.
Auf diesem Stein — ihr schönster Schlummer war’s gewesen. Im Klange eines Posthorns hatte sie der Jugend fröhliche Zeit gesehen — da fühlte sie plötzlich einen Stoß, als sei die Welt zersprungen. Rasch fuhr sie empor. Es war dunkel im Wald und nur auf den hohen Gipfeln lag des Abends goldreicher Sonnenschein.
Und neben Walpa stand der Seizmüller und grinste. Wie ein geschrecktes Reh sprang sie auf und einen getrennten Fetzen ihres Kleides noch zurücklassend in seiner krampfigen Faust, lief sie den Hang hinab, über das kantige Gestein und der finsteren Schlucht zu. Hinter sich hörte sie das Dröhnen seiner Sprünge, hörte seine schnaubenden Flüche. Gott rief sie an und ihren heiligen Schutzpatron — und huschte durch dorniges Gesträuche und glitt nieder über schroffe Lehnen, daß Moos und Sand in den Lüften wehten. — Sie entkommt ihm, schon ist sie seinen Augen entschwunden und das Brausen eines Wildbaches vereitelt ihm das Geräusch ihrer Schritte. Da steht sie jählings am Wasser und kann nicht weiter. Sie eilt am Ufer auf und ab und hört des Mannes Lachen. Ein wildästiger Tannenbaum, vom Sturme gebrochen, liegt über dem gischtenden Bache. Auf diesen springt sie, um hinüber zu klettern.
Der Mann stürzt ihr nach. Die morschen Aeste krachen. Walpa’s Haare verschlingen sich in’s dürre Gezweige, da faßt er sie — und hier auf diesem unheimlichen Grunde, der Verzweiflung voll und der Wuth, stemmt sie sich wie rasend ihm entgegen und ihre Finger zucken nach seiner Gurgel. So ringt das Ehepaar auf der wilden Brücke, daß der Baumstamm ächzt, und aus dem mächtigen Abgrunde herauf schimmert der Schaum des Bergstroms. — Walpa fühlte, daß es ihr Verderben, wenn sie den verhaßten Mann in diesem Augenblicke nicht zu vernichten vermöge, doch sie vermag nicht aufzukommen gegen des Mannes Kraft, nur einen Augenblick loszumachen sucht sie sich von seinen ehernen Armen, um sich in die Tiefe zu stürzen — da erfaßt er sie noch, reißt sie zurück und schleudert sie hin an das Ufer.
Blutend und betäubt liegt sie im Brombeergebüsch und der Müller, an den Lippen noch den Schaum der Wuth, steht hohnlachend vor ihr. — Leicht hätte man es sehen mögen, daß es ihm zur Lust und Leidenschaft geworden — vielleicht zu seinem höchsten Lebensgenuß — sein armes, hilfloses Weib zu peinigen. Darum hatte er sie verfolgt mit heißer, verlangender Gluth, darum brachte er sie nun tief befriedigt zurück in sein Haus.
Von dieser Zeit an hatte man die Walpa tagelang nicht mehr gesehen. Der Müller klagte es mit bekümmerter Miene den Leuten, sein Weib sei krank und es mache sich in ihr etwas wie eine Geistesstörung bemerkbar. Wohl sei sie bisweilen launenhaft, auch tückisch und trotzig gewesen, aber er habe doch stets die Nachsicht und Liebe mit ihr gehabt, die einem Ehemanne ziemt. Nun aber, wahrscheinlich von einem unruhigen Gewissen gequält, oder vielleicht auch durch andere Zustände verwirrt, litte sie am Verfolgungswahn. So sei sie vor einiger Zeit mitten in der Nacht aus der Mühle davon und in den Scharnwald hinüber, wo sie sich in’s Wasser stürzen wollte. Just daß er — der geängstigte Gatte — noch zu rechter Zeit nachgekommen sei und sie gerettet habe. Seitdem müsse er die Arme bewachen, er hoffe aber, daß durch eine richtige Behandlung sich die Sache wieder schlichten werde.
Walpa war eingesperrt in eine Kammer rückwärts der Mühle, wo der Müller Kornspreu und verdorbenes Getreide gelagert hielt. Auf dem Spreuhaufen lag sie und wühlte die Körner hervor, die sie gierig verschlang. Durch ein vergittertes Fenster starrte eine kahle Felswand herein, und das ewige Rauschen des Fluders betäubte das Ohr.
„Jetzt sehe ich es klar,“ murmelte sie, „Gott sei Dank, daß ich es endlich sehe. Alle Stege sind gebrochen. Nur ein einziger liegt noch da — nur noch ein einziger. Walpa, das ist ein schwindelnder Steg! — Mein junges Leben, Du bist das Einzige, was ich noch hab’, Dich halte ich fest. — Ob ihn das Gericht verurtheilen thät’, wenn es wissen könnt’, wie er mich martert? Das kann’s aber nicht wissen, er sagt’s nicht und man kann es nicht sagen, weil es nicht zu sagen ist. Gott, der’s weiß, verurtheilt ihn gewiß.“
Aus tiefen Träumen fuhr sie manchmal empor und sagte: „Es ist keine Sünde und die Kathrina Schmachegger hat sich auch geholfen.“ — Dann wieder betete sie ein Vaterunser um das andere und in die Worte: „Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Uebel“, legte sie ihr ganzes Herz.
Von draußen hörte sie zuweilen das Poltern und Fluchen des Müllers. Dann wieder in den Nächten vernahm sie neben und über sich das Unwesen der Mäuse und Ratten, und oft that sie einen Schrei des Grauens, wenn so ein Thier über ihren Körper lief. Dann des Morgens, wenn die alte, taube Magd mit angstvoller Geberde das spärliche Brot brachte, stellte sich die Walpa schlafend oder starrte in die Finsterniß hinein. — Man wird sie doch wieder freilassen, man muß ja, sonst würden die Nachbarn kommen und die kranke Müllerin sehen wollen. Dann will sie ihre Erlösung vollenden.