Was will sie? So weit hätte sie ihn schon zurückgelegt, den Weg des Leidens, der Schmach, der Anfechtung, der Hölle, daß sie jetzt auf der letzten Station steht? Wiesenwirthstochter! Du, mit Deinem guten, liebevollen Weibesherzen, eine Einzige aus Millionen, die das vollbringt? —

Endlich war die alte Magd einmal davon gegangen, ohne die Thüre der Kammer zu verschließen. Die Walpa blieb noch. Sie sah einem Spiele zu. Nein, es ist nur dem Menschenauge Spiel — dem Thiere ist es Arbeit und Streben nach seinem Lebensziele. Von der morschenden Decke, von der bei jeder Erschütterung in der Mühle der Moder niederstaubte, ging ein feiner Faden herab bis gegen die Füße der Walpa. An diesem Faden strebte eine Kreuzspinne empor.

Jetzt, das soll mir das Zeichen sein und der Richterspruch, dachte Walpa und starrte auf das Thier. Kann es nicht hinauf bis zur Decke oder bricht der Faden, so gehe ich und werfe mich in den Räderdumpf. Kommt die Spinne hinauf, so bringe ich ihn um. —

Das Thier krabbelte träge und langsam und mußte oft rasten. Es war schwer, es war noch weit unten und der Faden schien sich bisweilen zu dehnen. Dann wieder nahm die Spinne einen raschen Lauf, und dann wieder stand sie lange still auf einer und derselben Stelle. Es war ein gespenstig Wesen und das weiße Kreuz auf seinem Rücken — ein Grabkreuz — wem galt es, ihr oder ihm?

Endlich, die Spinne war noch eine gute Elle von der Decke entfernt, wollte sie nicht mehr weiter, ja kehrte sich ein paarmal um, und war dann wieder bewegungslos.

Walpa zitterte, schier stockte ihr der Athem. Das Thier blickte mit seinen vielen großen Augen gegen den Boden hinab. — Soll sie in’s Grab? Ist auch bei diesem Gethier, das kein Gesetz kennt, das tödtet, wenn es nicht selber getödtet werden will, kein Erbarmen?

Plötzlich nahm die Spinne eine Wendung und lief hastig den ganzen Faden empor bis zum Holzmoder, wo sie herfiel über eine im Netze gefangene Fliege.

„Es ist gut,“ sagte die Walpa laut.

„Was ist gut?“ rief der Müller scharf zur Thüre herein, „willst noch trotzen? Heraus geh’!“