Dann ging sie im Morgengrauen davon. Sie war ledig und erlöst, sie war frei. Ihr Herz jubelte, ihr Gewissen war leicht und licht, wie nach einer guten That.

Ueber dem Thale thaute ein dünner Herbstnebel; neben dem Wege, auf welchem Walpa hineilte, lagen grünende Rübenfelder und abgeweidete Wiesen, auf denen die blassen Kelche der Zeitlose standen. — Allmählich war es licht geworden. Walpa ging dahin und sah nicht um und für jeden ihr Begegnenden hatte sie einen heiteren Morgengruß.

„Wohin so früh?“ rief ihr ein junger Fuhrmann zu.

„In die Kirch’, wenn Du willst mitgehen.“

„Oh, da vergehst Dich ja, Seizmüllerin, der Weg führt sein Lebtag nicht in die Transau.“

„So wird er wohl wo anders hinführen.“

„Ei freilich, freilich, Seizmüllerin, das ist gewiß.“

Als sie zur Brücke kam, wo der Weg über den Fluß setzt und ein schmaler Steg über den hier sich abzweigenden Mühlbach leitet, begegnete ihr eine lebhafte Schaar von Schulkindern. Die Erfahrung zeigt, daß zur Herbstzeit die Kinder viel lebhafter und lauter sind, als in anderen Jahreszeiten. Naturforscher haben den Grund dafür in der Kühle und Dünnheit der Luft gefunden. So johlten auch heute die Kinder hüpfend und muthwillig heran, neckten sich gegenseitig, schlugen sich mit ihren Hüten, Hauben und Schulsäcken, warfen sich auf die Straße hin und lachten dabei und kletterten auf die Zäune und Sträuche, auf das Brückengeländer auch und hüpften über den Mühlsteg hin und her und warfen Steine in’s Wasser und stießen mit Stangen in die Tümpfe unter den Uferrasen hinein und lärmten in heller Lust, wenn sie eine Forelle aufschreckten. Plötzlich ein Schrei, ein hohes Aufgischten im Flusse und: „Der Michel, der Michel ist in’s Wasser gefallen!“ zeterten die Kleinen durcheinander.

Die Walpa, noch nicht weit von der Stelle, eilte zurück, sah, wie der Knabe, von dem jetzt nur noch ein Fuß hervorstand, im tiefen Wasser davonrann. Ohne Bedacht streifte sie ihren Ueberrock von sich und sprang in den Fluß. Sie rang mit den Wellen, sie verlor allen Grund und Halt, sie fiel um, wallte davon und verschwand unten, wo sich die Weidenbüsche schwer und dunkel über den Fluß wölbten.

Die Kinder schossen planlos umher; nur ein achtjährig Mädchen blieb gefaßt und sagte zu einem andern: „Du, jetzt muß ich zum Pfarrer gehen, daß geläutet wird, weil der Hüttenbaumer Michel und die Seizmüllerin ertrunken sind.“