Michael war aufgeregt, aber er schritt nun ruhig weiter, sein Gewissen warf ihm nichts vor. Er stieg über die Leiter die Loserwand hinan und ging über den Hochboden hinaus; dadurch schneidet man den halben Weg ab, der zum Bauer an der Wand führt.

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Ein Windwehen hatte die dicken, schweren Schneemäntel von den Bäumen geschüttelt. Da war es umgekehrt, wie im Sommer; die Waldwipfel waren dunkelschwarz und die Gründe waren lichtweiß. Aber da kam ein Nebel, der legte sich hin über das ganze Waldland, nur die höchsten Berge ragten aus ihm hervor und standen in der Sonne, während unten Alles versunken war in die feuchte Trübe und in die frostige Winterlichkeit. Darüber grämte sich der Wald, und er bekam einen grauen Bart, und allen Geästen und allen Gezweigen wuchsen weiße, zartbezähnte Ränder von unzähligen, glitzernden Nadelchen. Selbst auf der glatten Eisdecke des Sees keimte dieses schneeweiße Moos des Nebelfrostes, daß es knisterte, wenn Mensch oder Thier darüber hinschritt.

Es war sehr schön, und die Städter würden gesagt haben, das ganze Waldland sei versilbert, oder sei aus weißem Candiszucker geformt. Die Leute der Seeau aber greinten über so ein Wetter; es sei den ganzen Tag finster, und doch nicht die Nacht zum Ruhen; es sei frostig, und doch nicht frischkalt, und es werde zu thauen anheben noch weit vor der Zeit.

Im großen Seeauer Wirthshaus wurde zur Hochzeit vorbereitet. Es war eine Unzeit für alle Kälber und Hühner im ganzen Gau, und selbst für die Thiere des Waldes, obwohl die Jagdmonate schon vorüber, und die übrig gebliebenen Hasen und Rehlein sich zu Paaren schon wieder des Lebens freuten. Der Wirth ließ im Keller sein großes, ältestes Weinfaß aufspunden.

Schon tagelang stiegen zu ungewöhnlichen Stunden aus dem Schornstein des Wirthshauses liebliche, blaue Rauchwölkchen auf, und ein hocherfreulicher Geruch reichte sogar bis zum Pfarrhofe hinüber.

Der Pfarrer hatte seine Sache schier gethan; er hatte das löbliche Brautpaar bereits dreimal von der Kanzel würdevoll verkündet, und beim letzten Aufgebot hatte der Schulmeister auf dem Chor einen vollen Tusch blasen lassen, eine Ehre, die er sonst nur seinen Musikanten anzuthun pflegt, wenn einer davon sich ein Weib nimmt.

In der Kirche arbeiteten zwei Meßner, und schmückten den Altar mit allen vorräthigen Bändern und Papierblumen. Die alte Häuslerin vom Ende des Dörfchens, die Mutter der Greth, half auch mit; sie saß in der Sacristei und band mit halberfrorenen Fingern aus immergrünem Reisig einen großen Kranz für das Bild des heiligen Michael. Die „guldene Greth“ aber saß daheim im Häuschen, und starrte in die verlöschende Herdgluth hinein. Ihr Auge funkelte und ihre Züge waren schauderhaft verzerrt. Jetzt fuhr sie sich mit den Fingern in die losen, geschlängelten Locken und riß und zerrte wüthend an ihnen. Dann ließ sie ab, sah auf die ausgerauften zarten Haarfäden in ihrer Faust, that einen wilden Athemzug aus der wogenden Brust und murmelte: „Was soll ich dich ausreißen, du mein goldenes Haar! Ja, wären es seine, wären es die von der Haldeggerin, dann wohl! Pfui, Greth, mit den Haaren fängst nicht an, das thut jede eifersüchtige Dirn. Ich bin nicht eifersüchtig — aber in der Leut’ Mäuler hat er mich gebracht, um meinen Franzl hat er mich gebracht. Was schert mich der dalkert’ Michael mit seiner vornehmen Lahmleidigkeit — aber Seesteinerin hätt’ ich mögen sein, und sie haben mich gar schon so geheißen. Jetzt hab’ ich die Schande und den Spott, jetzt kommt Keiner mehr um mich. Jesus, ich weiß nicht, was ich thu’; wenn nur ein schwer Unglück wollt’ niederfallen, und thät’ uns All’ miteinander erschlagen! Aber ihn und sie um drei Minuten früher als mich, daß ich’s noch kunnt sehen! — —“

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Wenn sie am jenseitigen Seeufer vor dem Seesteinerhause einen Pöller loslassen, so sieht man’s von der Seeau aus wohl aufblitzen, aber man kann bequem bis in die Zwanzig hinein zählen, bis der Schuß kracht. Der Knall fliegt wohl über die glatte Fläche hin, doch er prallt an zahllosen Felsvorsprüngen an, und weckt in den Wänden und Wäldern zahllose Echos auf, bis er endlich an das Ohr der Seeauer schlägt.