Blaß ist das Mädchen geworden, zurückgleiten läßt es das Zündzeug in den Sack, und flieht aus der Stallung und davon, als stehe hinter ihm der große Hof wirklich in Flammen. Jetzt schlug der Kettenhund an. Eine Magd sah zum Fenster heraus: „Uh, da läuft die guldene Greth vorbei, ist die denn heut’ nicht im Dorf? Und ist sie vom Hund so erschrocken? Sie fürchtet sich sonst nicht einmal vor dem bösen Feind!“

Die Greth eilte über die Eisfläche des Sees; bald sah sie nichts mehr vom Ufer, nur den Hund hörte sie noch eine Weile bellen.

Es graute, als wollte schon die Nacht anbrechen. Im Dorfe zünden sie die Lichter an und es klingen die Gläser und die Geigen.

Grethe fühlte, daß sie unsäglich einsam war. — Ueber dem Haupte die dichte graue Hülle; der Himmel hat seine finstersten Wolken auf sie niedergeworfen. Unter den Füßen Eis und Fluthen — ist das eine trübe, kalte Welt!

Ihre Kleider, ihre Haare waren feucht, aber auf ihrer Stirn glühte das aufwallende Blut.

So floh sie über die Oede dahin, sie war das einzige Menschenwesen hier, über und unter den Gewässern. Da stand sie plötzlich still, sie hörte ein Schnalzen, ein Knistern, wie wenn ein Hirt mit der Peitsche knallte. Sie wußte nicht, woher es kam; war das Ufer nahe, zog ein Schlittengespann heran? Sie horchte. Da war wieder Alles still. So still und lind war’s auch in jener Sommernacht gewesen, da sie mit Michael über den See fuhr; die Wellen rieselten leise, lose Fischlein schnappten empor, und da gurgelte das Wasser, und oben und unten leuchteten die Sterne. Michael hielt sie an der Hand und sagte: „Margarethe, schlag’ Dir den Franz aus dem Kopf, der bringt Dich nur in’s Unglück. Schau gut auf Deine alte Mutter; leidet sie Noth, so stehe ich Euch gern bei.“ Später sagte er das vom Heiraten, und daß ihm Keine zu arm und zu gering sei. Sie lag an seiner Brust. — Jetzt sitzen sie im Wirthshaus bei der Hochzeitstafel. —

Wieder ist das seltsame Knistern und ein zwei-, dreifaches Schnalzen, und heran auf der Fläche, und hin an den Füßen des Mädchens in Zick und Zack fliegt eine dunkle Linie — ein Riß — — es berstet das Eis.

Angstvoll beginnt das Mädchen zu fliehen. Sie fühlt den Boden wanken; sie eilt hin über das große Grab, jeden Augenblick kann es sich aufthun.

Endlich aber ist sie aus dem Bereiche der Gefahr; es ist kein Knistern mehr, der Boden ist fest und sicher, wie er seit Monaten war.

Die Greth geht noch eine gute Strecke dahin — der See ist breit — und kommt endlich gegen das Dorf. Die hellbeleuchteten Fenster des Wirthshauses ziehen breite, röthliche Bänder hinaus in den Nebel. Die Greth hat Hunger und Durst, und da oben ist Ueberfluß, da oben ist Pracht und Stolz. Die große Seesteiner-Hochzeit!