Sie ging wieder am Ufer entlang und horchte, ob auch nicht hier die Eisdecke krache. Sie hörte nichts — ja, das Wirthshaus hörte sie, und den Jubel, und immer nur das.
Da kamen sie endlich gar mit Hall und Schall heraus in die Nacht, und als die Schlitten zurecht gerückt, und die Pferde eingespannt wurden, da duckte sich die Greth hinter einen Strauch. Ihr war, als müsse Alles auf sie hinsehen, auf sie zukommen, und sie war ja keine Verbrecherin, sie war unschuldig — der Herrgott hat das laue Wetter gemacht, und das Eis bricht selber ein. — Laut war’s am Ufer, aber zum erstenmal war’s, daß die Greth das Pochen in ihrer Brust hörte, und sie hatte doch nicht darauf gehorcht. Einen Zweig des Hagebuttenstrauches zerknitterte sie in ihren bebenden Fäusten; die Dornen gingen in’s Fleisch.
Endlich zog das Gefährte hinaus auf die Fläche; die Fackeln loderten nach rückwärts, wie blutrothe Fähnchen.
Eine Weile stand die Dirne still, wie eine Säule, dann sprang sie einige Schritte auf den See hinaus und breitete die Arme und that einen heiseren Schrei. — —
Die Fackeln eilten weiter und blickten zurück wie zwei Augen. Wie seine Augen.
Die Greth lief durch die Dorfgasse und rief: „Eilet, eilet zu Hilf’, das Eis bricht ein!“ Sie lief zur Kirchenpforte, der Glockenthurm war gesperrt. Leute eilten zusammen und wußten nicht, was das zu bedeuten. „Kein Mensch holt sie mehr ein!“ schrie das Mädchen und schlug sich in’s Gesicht, und raste wieder hinab gegen den See. Weit draußen schwebten die zwei glühenden Aeuglein.
Sie sah hin. Sie preßte die Hände auf die Brust und that einen fiebernden Athemzug. Ist denn kein Mittel, sie zurückzurufen? Plötzlich fuhr sie sich gegen die Stirn. Rasch holte sie ihr Feuerzeug hervor, eilte, watete im Schnee gegen die Dorfwiese; dort war früher ein Heuschober gestanden. Aber er war eingeheimst. Die Grethe kehrte um. Immer den Blick auf den See gerichtet, lief sie gegen das obere Ende des Dorfes. Die letzte einzeln stehende Hütte, das war ihr Haus und Heim. Sie erreichte es, im Nu hatte sie ein Flämmchen und fuhr damit unter das Strohdach.
Wie ein freigelassenes Vöglein hüpfte die Flamme weiter, knisterte, leuchtete.
Bald war die helle Lohe da, das Dorf glühte im Feuerschein, das Gewände oben war ganz roth, auf der Seefläche spiegelten sich die Flammen.