Als Genovefa mit Gertraud allein war, schluchzte sie: „Hast Du gehört, was der Bauer gesagt hat? Nein, Gertraud, wenn er mir all’ meine Finger abhacken thät, so thät’s mir nicht so weh, als wenn er über den Gregor so redet.“
„Und noch dazu jetzt, wo er auf der Bahr’ liegt!“ entgegnete Gertraud; „ich mein’ aber immer, unser Bauer hat gar kein Gewissen; hast Du’s schon gesehen, was er macht, wenn er betet? Nein, man soll so was gar nicht sagen, aber — da hat er in einer Hand den Rosenkranz und die andere hat er im Sack und klimpert mit dem Silbergeld. Das thut kein Christ.“
Am Abend, als Genovefa in’s Haus kam, besprengte sie die Leiche mit Weihwasser und füllte frisches Oel in die Lampe. Dann hatte sie einen schweren Stein auf dem Herzen; morgen soll schon der Begräbnißtag sein, und der Bauer hatte noch gar keine Anstalten dazu getroffen.
Indeß beim Abendessen sagte der Grübner zu den zwei Knechten: „Morgen um das Sonnaufgehen müssen wir wieder im Brand sein, und früher tragt mir den da draußen in’s Dorf hinüber, daß er doch einmal aus dem Hause kommt!“
Genovefa legte den Löffel weg und aß nichts mehr. Alle waren still, und die Knechte zitterten um die Mundwinkel und waren roth im Gesicht. Der Bauer aß und zuckte mit seinen buschigen Augenbrauen und sah nicht nach rechts und nicht nach links. Da hielt Genovefa plötzlich die Hände ineinander und rief laut: „Bauer, gelt, ich darf Euch bitten — Ihr laßt den Gregor ordentlich begraben!“
„Was geht Dich der Gregor an, Du graue Vettel!“ brach der Bauer los; „ich mein’, mit den dummen Liebsg’schichten habt Ihr’s lang g’nug trieben; ist Euch nicht gut angestanden, Ihr alten Stöck’; ich hab’ nur nichts sagen wollen, weil es gar nicht der Mühe werth ist. Aber jetzt, weil Eins auf dem Brett liegt, mein’ ich, soll ’s Andere an dem sündhaften Hallodriren g’nug haben! Nicht? — Nu, und hast noch nicht g’nug, Du alte Krautschreck’, so leg Dich halt hin zu ihm — laß Euch gern forttragen, all’ Zwei, gern!“
Die Knechte machten Bewegungen, aber Genovefa sagte dem Bauer die Worte: „Schmäht mich, wie Ihr wollt, Bauer, aber ihm werft keine Steine nach in die Ewigkeit und begraben laßt ihn christlich. Es ist ja noch ein Kasten von ihm da, es sind Kleider von ihm da; das reicht aus für den großen Conduct; drei Glocken können geläutet werden. Oft und oft hat der Gregor gesagt: Mag mir sonst nichts mehr ersparen, weil ich schon schwach bin und allsonntäglich mein Gläslein Wein haben muß, ohne Tabak thut es sich halt auch nicht — aber für ein ehrlich Begräbniß wird schon noch was übrig bleiben. — Ich bitt’ Euch, Bauer, der Gregor hat Euch fünfundzwanzig Jahr’ treu und fleißig gedient, hat’s immer gut mit Euch und den Eurigen gehalten — laßt ihn christlich begraben!“
„Ja, ja, Kasten und Kleider! Wir wissen’s schon, wie das aussieht. Und glaubt Ihr, das Zeug ist für das Eingraben da? — Kasten und Kleider! Ich mein’, so viel wär’ mein Wald doch werth gewesen, nicht? Keinen Kreuzer geb’ ich, und wenn ein Jud’ käm’ und gäb’ mir drei Groschen für den starren Gregor da draußen — ist recht, ich verkauf’ ihn. Wer zahlt mir den Wald? Wer? — Treu und fleißig gedient, ja — als ob ich ihn dafür nicht auch bezahlt und überzahlt hätt’!“
„Bauer, ich dien’ Euch ein ganzes Jahr umsonst; keinen Groschen verlang’ ich, aber den Gregor laßt christlich begraben!“ bat die Magd wieder.